Was macht die Familie? : Dicke Fässer rollen

Wie ein Vaterdie Stadt erleben kann.

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Neulich gab es bei uns im erweiterten Familienkreis ein großes Fest zu Ehren des Kleinen meiner drei Jungs. Es ging dabei, natürlich, auch um ein größeres Geschenk, lange vorher ausgesucht und in Auftrag gegeben von dem jungen Herrn. Irgendwie habe ich mir gedacht, das allein könne es doch nicht sein. Fehlt da nicht was? Das von Ungewissheit gezeichnete Zittern beim Auspacken, die glänzenden Augen, die Überraschung?

Der Kleine meiner drei Jungs hat seit frühester Kindheit sehr extravagante Vorstellungen. Zuletzt war da zum Beispiel dieses Holzfass, er hat es beim Durchblättern eines ebenfalls sehr extravaganten Katalogs entdeckt, aber sofort wieder vergessen. Das war meine Chance. So ein kleines Fass wäre doch eine schöne Dekoration für sein Zimmer und dazu ein perfektes Podest zur Präsentation des Geschenks ... Ich hab das Fässchen schon in der Ecke neben seinem Bett gesehen und mich gefreut über die großen Augen des Kleinen.

Also hab ich das Fass bestellt, heimlich und spontan und spät in der Nacht. Zum vereinbarten Liefertermin zwei Tage vor dem Fest war die Familie außer Haus, und ich hatte mir schon ein Plätzchen hinter dem Kellerschrank als zwischenzeitiges Versteck ausgesucht. Es klingelte an der Tür und vor mir stand … das Fass. 250 Liter Barrique, Eiche mit verzinkten Beschlägen, es reichte mir bis weit über den Brustkorb und wog im Leerzustand gefühlte zehn Zentner, mindestens. Vielleicht hätte ich den Katalog doch etwas aufmerksamer lesen sollen.

Unter den neugierigen Blicken der Nachbarschaft rollte ich das Fass auf verschlungenen Wegen in den Garten, stauchte mir dabei den großen Zeh und walzte den Lieblings-Hibiskus der Frau platt. Dumm gelaufen, äh … gerollt. Das mit dem Versteck hinterm Kellerschrank hatte sich erübrigt wie ohnehin jedes Versteck. Mein Fass prägte unsere schmale Terrasse wie der hohle Zahn die Gedächtniskirche.

Später am Nachmittag kam der Kleine von der Schule. Wie immer startete er gleich durch in den Garten, aber diesmal blieb er auf halber Strecke stehen. Auf der Terrasse, vor dem Fass. Für ein paar Minuten bekam er kaum die Augen zu und erst recht nicht den Mund, er war vor Staunen so sprachlos wie damals, als er noch an den Weihnachtsmann glaubte. Es war dieser so nicht eingeplante Überraschungserfolg, der mir Kraft gab für den schwierigen Teil des Tages. War gar nicht wo leicht, der Frau das mit dem Lieblings-Hibiskus zu erklären. Sven Goldmann

Gebrauchte Weinfässer gibt es in Berlin beim gut sortierten Fachhandel, den man beispielsweise schnell mit einer Online-Suche findet.

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