Was macht die Familie? : Die Daumen trainieren

Wie eine Mutterdie Stadt erleben kann.

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Herr, der Winter war sehr lang! So oder ähnlich heißt es doch bei Rilke? In meiner Familie war der Winter sehr grausam. Der Herrgott war auffällig abwesend. Vielleicht zeigt er sich im Frühling wieder, wie die Sonne? Vielleicht drückt er mal auf einen Ausschaltknopf?

In unserer Wohnung sind in diesem Winter schätzungsweise 20 000 Menschen zu Tode gekommen. Ich zögere, das zuzugeben. Ich weiß, dass ich böse Mails bekommen werde. Deswegen sage ich gleich: Dies ist ein Text nur für Eltern von Jungs zwischen zehn und 17. Alle anderen können nicht mitreden – sie ahnen nicht das Ausmaß der Herausforderung.

Also, Jungs-Eltern, Hand aufs Herz: Welche Ballerspiele spielt Ihr Sohn? Mit welcher Altersbeschränkung? Ist er 14 und spielt Spiele ab 16? Kompliment, Sie haben ihn gut im Griff. Oder ist er 13 und hat sich – wie auch immer, etwa von gleichaltrigen Freunden – Ego-Shooter ab 18 besorgt, „Call of Duty: Black Ops2“? Na, dann geht’s Ihnen wie uns mit unserem Großen. Ihr Sohn ist ein virtueller Killer, hetzt durch zerbombte Städte, legt feindliche Soldaten um, während Blut ihm vors Visier spritzt. Sonst ist Ihr Sohn natürlich ein netter Kerl. Wenn er eine richtig gute Kill-Reihe hingelegt hat, ist er stolz, fröhlich, entspannt. Ein Schatz! Oder wollen Sie mir sagen, Ihr Sohn spielt so was nicht, weil Sie strenge Regeln haben und alle sich dran halten? Dann haben Sie Glück – oder keine Ahnung, was hinter Ihrem Rücken abgeht.

Unser Kleiner, zehn Jahre, mag keine Ego-Shooter-Spiele. „Er verballert seine Freizeit“, sagt er über den Bruder, „das finde ich hobbylos.“ Aber auch er hat schon Klassenkameraden schwärmen hören, vom neuen Sandbox-Shooter „Brick Force“. In einer niedlichen Comic-Welt schießen lego-artige Figuren aufeinander, wirbeln durch Deathmatchs. „Das Spiel ist ab sechs“, glaubt mein Kleiner, „weil die Figuren nicht bluten, wenn sie erschossen werden, sondern nur traurig gucken.“ Zur Sache geht’s dennoch. Im Brick Force Chat unterhalten sich die Kids, wer die meisten guten Kill Streams hatte, Fantastic Kills oder Unbelievable Kills.

Offiziell ist das Sandkasten-Killerspiel ab zwölf, aber wir Jungs-Eltern wissen ja, dass Altersbeschränkungen fromme Wünsche sind. Ich setze darauf, dass die Teletubbies ein Shooter-Spiel rausbringen. Dann müsste das Killen für die Älteren doch langweilig werden, weil peinlich, kindlich? Vielleicht würden sie rausgehen und die Muskeln trainieren, nicht nur die Daumen? Herr, Erziehung ist sehr schwer! Dorothee Nolte

Zehnjährige Jungs kann man noch für die Tutanchamun-Ausstellung in der Arena begeistern. Schön an den alten Ägyptern: Sie kannten kein Schießpulver (www.tut-ausstellung.com)

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