Was macht die Familie? : Eine Show gegen Regentanz

Wie ein Vaterdie Stadt erleben kann.

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Mit ihren 20 Monaten kommt Lina langsam in die Trotzphase, falls die einschlägige Literatur stimmt. Wälzen im Supermarkt zwecks Erwerbs von Süßigkeiten, Abräumen des Esstischs mit nicht genehmen Speisen, Ausspielen der Elternteile gegeneinander usw.

Bisher tut Lina diese Dinge nur light: Die Fahrt im Einkaufswagen darf durchaus zum Süßwarenregal führen, sofern sie rasant und das Kind nicht hungrig ist (was allerdings auch auf mich selbst zutrifft). Ihre monatelangen Versuche zum Thema „Nahrungsmittel und Schwerkraft“ hat Lina aufs Notwendigste reduziert: Brot darf nun auch auf dem Teller bleiben, wenn die falsche Wurst drauf ist. Und welcher Vater will schon ein- oder gar durchgreifen, wenn das Kind mit einer Dinkelstange kreativ auf dem Tisch schabt und „Male, male“ sagt? Auch scheinbar taktische Manöver wie das Ausräumen von Küchenschränken in meinem Beisein erweisen sich oft als Gewohnheitsrechte: „Lass sie doch!“, sagt meine Freundin, wenn ich beispielsweise Schneidebretter zurückerobern will.

Tue ich es doch, zieht Lina ein Schippchen und führt eine Art Regentanz auf, an dessen Ende sie nasse Augen hat. Damit wieder Sonnenschein folgt, gilt: The Show must go on. Als ich Lina beim Baden Mutters Shampooflasche weggenommen habe, war sie nur durch sofortiges Ersatzprogramm – ein Gespräch der anwesenden Badetierchen – zu besänftigen. Da Lina die Schrift auf der Flasche entdeckt hatte, erging die Anweisung: „Der Krake: Vorlesen!“ Woraufhin der Krake las: „Der glättende Nährstoffkomplex mit Jojoba-Öl sorgt für den Anti-Frizz-Effekt.“ Das musste der Krake ca. zwölf Mal lesen. Danach der Frosch, der Kugelfisch und schließlich die Ente. Das Kind lachte, der Vater war erschöpft, aber glücklich, und das Badewasser lauwarm. Vielleicht gehe ich am Wochenende mit Lina zur theatralischen Fortbildung. Stefan Jacobs

Theaterwochenende am 19. / 20.1. im FEZ Wuhlheide: Sa. 13-19 Uhr, So. 12-18 Uhr, Tickets: 3 €, Familien: 10 €

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