Was macht die Familie? : Einfach nicht satt werden

Wie ein Vaterdie Stadt erleben kann.

von

Der Mittlere meiner drei Jungs hat etwas an sich, worum ihn viele beneiden, und zu den größten Neidern gehört sein Vater. Der Junge kann essen, was er will, und nimmt dabei kein Gramm zu, er wird nur immer größer, ich rechne täglich damit, dass er mich einholt. Gewichtsmäßig ist das in nächster Zukunft eher nicht zu erwarten.

Es ist nur leider so, dass das Kind sich nicht so gerne nach den Grundsätzen ernährt, denen wir uns als Eltern des gebildeten Mittelstandes verpflichtet fühlen. Vollkornbrot, Biofleisch, Basmatireis – „alles schön und gut, was ihr da kocht, Papa“, aber irgendwie bringen es Toast, Tiefkühlpizza und Pommes doch mehr, gern auch vor dem Fernseher. Außer Haus speist er selten, wenn man mal absieht von den amerikanischen Spezialitätenrestaurants, die in Berlin bekanntlich an jeder Ecke stehen.

Zur Abhilfe haben die Frau und ich für den Sonntagvormittag im Gutshof Britz einen Brunch angesetzt. Auch so eine amerikanische Erfindung, aber pädagogisch wertvoller als Ham- und Cheeseburger. Der Gutshof Britz ist eigentlich kein richtiger Gutshof mehr, sondern ein Kulturzentrum, mit Heimatmuseum, Musikschule und Theaterbühne. Der Kuhstall heißt jetzt Kulturstall und im Konzertsaal steht ein echter Bechstein. Damit ködern wir das Kind, denn es spielt für sein Leben gern Klavier.

Ein Vorspielen auf dem Bechstein ist leider nicht möglich, aber der Mittlere ist auch so zufrieden und folgt uns bereitwillig zum Brunch in den ehemaligen Ochsenstall, ein längliches Gebäude mit Platz für gut 100 Gäste. Mit einiger Zufriedenheit sehen wir, wie unser Sohn Lachs und Salat und Kartoffeln auf seinen Teller schaufelt und auch dem Käsebuffet einen längeren Besuch abstattet. Geht doch!

Es wird eine längere kulinarische Prozession. Wir plaudern und lachen und naschen mal hier und mal dort, es hätte durchaus auch ein bisschen weniger sein können. Nach zweieinhalb Stunden bin ich pappsatt und reif für ein Mittagsschläfchen. Nur der Mittlere mag noch nicht gehen, denn die französischen Lammbratwürste wollen noch verspeist werden, danach wartet die rote Grütze, und wahrscheinlich wird er dabei kein einziges Gramm zuneh… aber das hatten wir ja schon. Es ist halb drei, als wir endlich aufbrechen, mit einem sehr zufriedenen Sohn. „Gar nicht übel, Papa, müssen wir unbedingt mal wiederholen.“ Und was gibt es heute eigentlich zum Mittagessen? Sven Goldmann

Brunch im Ochsenstall des Britzer Schlosses gibt es an ausgewählten Sonntagen. Nähere Informationen unter www.schloss-britz-berlin.de/ochsenstall

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar