Was macht die Familie? : Eliten bilden

Wie ein Vaterdie Stadt erleben kann.

Stephan Wiehler

Jetzt ist auch unsere Jüngste ein Schulkind. Greta geht seit zwei Wochen auf die deutsch-italieni-   sche Grundschule in Schöneberg, und Emma ist auf ein grundständiges Gymnasium in Tiergarten gewechselt. Da fühlt man sich selbst gleich wieder etwas älter. Leider wird dieses Gefühl durch den allmorgendlichen Blick in den Spiegel noch bestätigt, weil wir etwas früher aufstehen müssen als bisher.

Im hektischen Betrieb, der sich bei uns ab 5.45 Uhr zwischen Morgentoilette, Kinder anziehen, Brote schmieren, Blitzfrühstück und Zähne putzen abspielt, bleibt fürs Augenreiben keine Zeit, bevor ich mich im Autositz zurücklehnen kann, um die Kinder zur Schule zu bringen. Ja, wir bekennen uns schuldig: Auch wir gehören zu den rücksichtslosen Eltern, die ihre Kinder zur Schule fahren, obwohl Erziehungsberater und Polizei dazu raten, Kinder zu Fuß oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Schule zu schicken, damit sie früh selbstständig werden – und um die tagtäglichen Staus der Eltern-Taxis vor den Schulen einzudämmen.

Aber, mal ehrlich, Herr Kommissar: Würden Sie ihre fünf- oder neunjährigen Töchter morgens um sieben zum nächsten U-Bahnhof schicken? Oder sie um sechs den Fußmarsch von Kreuzberg nach Schöneberg und Tiergarten antreten lassen?

Natürlich kann man das als Luxusproblem bürgerlich-elitärer Eltern abtun, die ihren Kindern weite Schulwege zumuten, nur weil sie sich weigern, die fußläufig erreichbare Nahversorgung im Bildungsbereich zu nutzen. Obwohl Schulsenatorin Sandra Scheeres ja gerade vor kurzem aus der bequemen Distanz einer Pankower Mutter versichert hat, sie würde ihre Kinder auch in Kreuzberg zur Schule schicken, haben wir als Familie mit Migrationshintergrund (meine Frau ist Italienerin) in der Nähe allerdings keine deutsch-italienische Grundschule gefunden. Und ein Gymnasium, das Kinder ab Klasse 5 aufnimmt, gibt es schon gar nicht.

Es hätte eins geben können. Vier Jahre lang engagierte sich eine Elterninitiative gemeinsam mit der Evangelischen Schulstiftung dafür, eine konfessionell orientierte Ganztagsschule in Kreuzberg zu gründen – mit dem Plan, sie später zum grundständigen Gymnasium zu erweitern. Aber der Versuch scheiterte am Widerstand des rot-grün dominierten Bezirksamts. Die Initiatoren bekamen sogar Drohungen aus dem linksmilitanten Blockwartmilieu, das keine „private Eliteschule“ im Kiez dulden wollte.

Emma besucht jetzt das Canisius-Kolleg der Jesuiten in Tiergarten. Schon am zweiten Tag kam sie nach Hause und sagte, sie wolle katholisch werden. Das haben sie nun davon, die Kreuzberger Linken. Stephan Wiehler

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