Was macht die Familie? : Feiern oder networken

Wie ein Vaterdie Stadt erleben kann.

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Freundschaften sind ein Thema in Leos Leben geworden. Nächsten Monat wird er zehn. Bisher waren Freunde einfach da: aus Kitazeiten, aus der Nachbarschaft, der Schule. Jetzt gibt es erste Brüche. Der beste Freund, der sich einem anderen zuwendet. Oder auch der Junge, mit dem Leo früher gerne viel Zeit verbrachte und der ihm nun fremd geworden ist. Doch die Kinder machen es schon wie die Großen. Wenn eine Einladung zu einer Geburtstagsparty kommt, überlegt er nicht nur, ob er den anderen mag und das Programm interessant zu werden verspricht, sondern auch, ob er bei seinem eigenen Geburtstag eine Gegeneinladung aussprechen will.

Die gesellschaftlichen Regeln, denen wir Eltern uns manchmal nur widerwillig beugen, haben die Kinder also schon längst internalisiert. Wie Diplomaten bewegen sie sich in ihrem jungen Beziehungsgeflecht. Und ihre Partys sind ja tatsächlich auch schon gesellschaftliche Ereignisse: Kuchen und im Garten Fußball spielen – damit kann man längst nicht mehr kommen. Da werden Gokartstrecken und Bowlingbahnen angemietet, da wird ein Clown engagiert und Catering angefordert.

Mir macht das Angst. Ich fürchte diese maßlose Ökonomisierung aller Lebensbereiche, wie sie Carsten Maschmeyer in seinem gerade erschienenen Buch „Selfmade“ propagiert. Von einem „Networking-Sparkonto“, auf das man regelmäßig einzahlen müsse, um später abheben zu können, spricht der Milliardär ernsthaft. Beziehungen als Währung: So ist wohl tatsächlich nicht nur das System Hannover gestrickt. Doch so sehr mich diese kalte, zweckmäßige Sicht anwidert, will ich natürlich trotzdem, dass nicht nur die Maschmeyers dieser Welt Erfolg haben, sondern mein Leo sich gegen sie behauptet. Ich müsste ihn also eigentlich bestärken, Freundschaften taktisch abzuwägen und Networking von der Pike auf zu lernen.

Allein, das kann ich nicht. Wir gehören zwar zu einer Elterngeneration, die sich in einem Maße um das Fortkommen unserer Kinder kümmert wie keine Generation zuvor. Wir entziehen uns dem so entstehenden Konkurrenzdruck auch nicht. Aber alles hat seine Grenzen.Und so bin ich richtig glücklich, dass Leo am Ende gesagt hat, dass er sich eigentlich richtig auf die Geburtstagsparty seines fremd gewordenen Freundes freut. Moritz Döbler

Carsten Maschmeyers Buch „Selfmade – erfolg reich leben“ ist gerade erschienen (Ariston, 19,99 Euro). Viel lohnender ist das Buch, das wir gerade gemeinsam lesen „Die geheime Benedict-Gesellschaft“ (Berlin Verlag Taschenbuch, 9,95 Euro). In dem Buch geht es um die Freundschaft von Reynie, Kate, Kleber und Constance.

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