Was macht die Familie? : Geschenke verteilen

Wie eine Mutter die Stadt erleben kann.

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Man kann die Menschen leicht einteilen in solche, die einem geliebten Menschen aus vollem Herzen etwas sorgfältig Ausgewähltes und genau Passendes schenken – und solche, die beim Schenken an sich selber denken. Ich gehöre zu Letzteren, zum Beispiel verschenke ich gerne Bücher, die ich selbst lesen möchte, und leihe sie mir nach einer Anstandsfrist aus. Meine Kinder sind auch nicht besser. Vor Weihnachten oder Geburtstagen von Oma und Opa malen sie in letzter Minute ein flottes Bild, nur selten kaufen sie vom eigenen Taschengeld ein Geschenk, zuletzt eine Packung Flüssigseife, immerhin mit Granatapfelduft. Wenn sie sich mit einem Geschenk Mühe geben, dann haben sie Hintergedanken. Als jetzt der Geburtstag des Papas anstand, schnitzte der turmvernarrte Kleine aus einem Holzstück einen Wolkenkratzer. Davon war er so begeistert, dass er den gerührten Vater gleich bei der Übergabe fragte: „Weißt du schon, wem du das vererbst, wenn du tot bist?“

Letztlich ist ja jedes Geschenk mit der Erwartung einer Gegenleistung verbunden, wie es uns die Ethnologen auch von den Amazonas-Indianern berichten. Es sind Tauschgeschäfte, nichts anderes. Der große Sohn hat das erkannt und schlägt uns folgenden Handel vor: Wenn wir ihm jetzt schon das ersehnte Smartphone schenken statt erst zu seinem Geburtstag im Juli, dann will er ab sofort fleißig sein, Hausaufgaben machen und generell zu einem erträglichen Zeitgenossen werden, Pubertät hin oder her. Das Angebot klingt allzu verlockend, ja unvorstellbar schön. Leider wissen wir aus Erfahrung, dass der Sohn solche Versprechen selten hält. Den umgekehrten Deal – erst Wohlverhalten, dann Smartphone – lehnt er empört ab.

Womit wir bei der Zeugnisfrage wären. Soll man gute Noten mit Geschenken belohnen oder sollen Kinder nicht vielmehr aus eigenem inneren Antrieb lernen? Eine Bekannte hat dazu eine pädagogisch wertvolle Idee: Ihre Kinder bekommen für ein gutes Zeugnis zehn Euro, für die sie sich dann Bücher kaufen dürfen. Das wollte ich mit unserem Kleinen auch versuchen. Ich schickte ihn mit der Bekannten und ihren Kindern zu Hugendubel, doch er kam unverrichteter Dinge zurück: Nichts, aber auch gar nichts Interessantes habe er dort entdecken können! Die zehn Euro fügte er seinen Ersparnissen hinzu, die er am nächsten Tag gegen ein gebrauchtes Nintendo eintauschte. So handelt und dealt ein jeder, wie er kann. Geben ist seliger denn Nehmen, sagt die Bibel? Eher: Wer gibt, der nimmt. Dorothee Nolte

Auch eine Belohnung für ein gutes Zeugnis, besonders für Turmvernarrte: ein Ausflug auf den Fernsehturm (www.tv-turm.de)

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