Was macht die Familie? : Hauptstadt anschauen

Wie ein Vaterdie Stadt erleben kann.

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Heute gibt es nur ein Thema. Heute gibt es Zeugnisse. Halbzeit in der vierten Klasse. Es ist das Schuljahr, in dem Leo gelernt hat, dass man nicht immer nur brillieren kann. Dass man Niederlagen erleidet und andere besser sein können. Dass Erfolg etwas mit Arbeit zu tun hat. Ich erinnere mich lebhaft an diese Lektion; sie war schmerzhaft. Ein Prozent Inspiration, 99 Prozent Transpiration – ich habe die Sprüche gehasst. Ich hasse sie immer noch.

Leo schlägt sich viel besser als ich damals. Und ich versuche, es besser zu machen als meine Eltern. Erfolg muss sich lohnen – an diesen Grundsatz glaube ich zwar genauso wie meine Eltern. Aber die Ziele, die sie setzten, waren utopisch, und damit waren die Belohnungen es auch. Ein neues Fahrrad für eine Eins in Latein – das war für mich einfach nicht zu erreichen, und auch deswegen fehlte mir in diesem Fach jeglicher Ehrgeiz. Am Ende reichte es mit Ach und Krach fürs Kleine Latinum.

Leo ist viel besser in der Schule, als ich es je war. Aber es fällt ihm nicht mehr ganz so leicht. Deswegen haben wir ausgemacht, dass er zweieinhalb Euro für eine Eins kriegt und einen Euro für eine Zwei. Die Anschubfinanzierung wirkt, obwohl Leo eigentlich immer genug Taschengeld hat. Es ist die Belohnung an sich, die wirkt, die Wert-Schätzung.

Trotzdem bleibt bei mir ein Gefühl der Kälte zurück. Als ob mein Kind nur mit Geld zu motivieren wäre. Als ob ich ihn nur so unterstützen könnte. Beides ist überhaupt nicht so. Deswegen haben wir gerade gemeinsam Bundesländer und die dazu gehörigen Hauptstädte gepaukt. Er verbindet mit den Namen wenig, deswegen helfe ich mit Eselsbrücken. Dass Mercedes aus Stuttgart kommt und die Bundeskanzlerin aus Mecklenburg-Vorpommern zum Beispiel. Aber zu manchen Städten und Ländern fällt mir nichts ein, was ihm helfen könnte. Da müssen wir dann eben hin. Das macht sicher mehr Spaß als zwei Euro. Moritz Döbler

Zum Beispiel morgen früh nach Magdeburg, der Hauptstadt von Sachsen-Anhalt: Um 8.55 Uhr ab Hauptbahnhof, abends zurück mit dem Wochenendticket der Bahn für 40 Euro. Fahrtdauer: knapp zwei Stunden.

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