Was macht die Familie? : Kulturbanause spielen

Wie eine Mutterdie Stadt erleben kann.

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Jetzt ist es raus. Jan fühlt sich traumatisiert, wie er sagt. Die vielen Kirchenbesichtigungen und Ausstellungsbesuche haben in seinem jungen Leben Fatales angerichtet. Schon nach den Sommerferien wusste er in der Schule seinem Lehrer nur zu berichten, dass der Toskana-Urlaub ein einziger Albtraum war: jeden Tag mindestens fünf Gotteshäuser. Staunend fragte der später nach, ob es wirklich so schlimm gewesen sei. Na ja, beinah. Als Kunsthistoriker-Eltern können wir einfach nicht an mittelalterlichen Stadtpalästen und gotischen Kapellen vorübergehen.

Mit dem neuen Jahr geht es an die nächste Urlaubsplanung. Ganz oben auf der Liste des elfjährigen Jan steht ein Paris-Trip, ganz allein mit der Mama – als Ausgleich für die zuletzt seiner Zwillingsschwester gewährte Reise in die französische Kapitale. Gerechtigkeit muss sein, zumal Josefine seitdem in ihrem Zimmer mit Eiffeltürmen in Gestalt von Radiergummis, Backförmchen, Blechdosen, Ansichten von Pariser Straßen nur so prunkt. Der Konflikt für Mutter und Sohn als Reisegespann ist also programmiert. „Nach Paris fährt man vor allem, um Kirchen und Museen zu besuchen“, springt Josefine als Kennerin bei. Da ist ihr Bruder anderer Meinung. Der Kompromiss findet sich vermutlich in Disneyland: an einem Tag Achterbahn fahren, am anderen dafür Notre Dame.

Ausstellungsbesuche sind also mittlerweile Verhandlungssache. Es ist schon lange her, dass unsere Kinder am Wochenende am Frühstückstisch mit strahlenden Augen fragten: „Und in welches Museum gehen wir heute?“ Damals erschienen ihnen die Gemälde an den Galeriewänden wie übergroße Bilderbücher. Jan entwickelte sogar eine Vorliebe für die Opulenz barocker Werke. Diese Kennerschaft kommt ihm noch heute zugute, wenn er Referate im Kunstunterricht hält und versiert die hintergründigen Botschaften von Stillleben erklärt. Am Wochenende aber, in seiner Freizeit, will er davon bitte schön unbehelligt bleiben.

Selbst in Ausstellungen für Kinder geht er nur unter Protest. Widerwillig ließ er sich jetzt zum Besuch des Märkischen Museums bewegen, wo Berliner Spielzeug der Jahre 1871 bis 1933 präsentiert wird. Die Zinnsoldaten, Steckenpferde, Mini-Rüstungen für die Knaben der Kaiserzeit ließen ihn kalt, die Puppenstuben, Nähmaschinen, Schnittmuster erst recht. Einzige Ausnahme: die „Laterna Magica“, ein Schattenspiel-Theater, in dem Kinder selber auftreten. Hingebungsvoll führten darin Jan und Josefine mit ihren Freunden „Rotkäppchen“ auf. Hinterher haben wir geflissentlich geschwiegen. Irgendwann wird es wieder. Nicola Kuhn

Märkisches Museum, Am Köllnischen Park 5, Di bis So 10–18 Uhr.

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