Was macht die Familie? : Meine Tochter rettet das Abendland

Französisch kann man immer lernen, aber Altgriechisch? Das lernt man entweder in der Schule oder nie im Leben. In unserer Familienkolumne geht es heute um antike Sprachen.

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Beim Zeus! Altgriechisch eröffnet eine schöne alte Welt.
Beim Zeus! Altgriechisch eröffnet eine schöne alte Welt.Foto: Peer Grimm/dpa

Unsere zwölfjährige Tochter steht vor der Wahl, ob sie lieber die deutsch-französische Verständigung vertiefen oder die Griechen retten will. Nein, nicht die Euro-Krisen-, sondern die alten Griechen. Es geht um die Wahl der dritten Fremdsprache. Ab dem nächsten Schuljahr kann Emma entweder Französisch oder Altgriechisch lernen. Bis Mitte März musste Emma den Fragebogen in der Schule abgeben. Wochenlang quälte sie sich mit der Frage, wo sie ihr Kreuz machen sollte. Zuerst war sie entschlossen, Französisch zu wählen, wie die meisten in ihrer Klasse. Aber so einfach wollte es ihr meine Frau nicht machen.

Junge Menschen sind nicht zu beneiden. Dauernd müssen sie Entscheidungen treffen, deren Folgen sie noch gar nicht überblicken können. Als Eltern haben wir die wichtigsten Entscheidungen hinter uns. Wir können bestenfalls Ratschläge geben, damit es unsere Kinder richtig machen.

Französisch kannst du immer lernen

Was soll ich sagen? Im Abendland bin ich nicht so tief verwurzelt. Ich habe kein humanistisches Gymnasium besucht. Ich hatte Englisch und Französisch, aber Latein habe ich nach einem halben Jahr wieder geschmissen. Schade. Als Geisteswissenschaftler hätte es mir genutzt. Aber ich habe es mir leicht gemacht. Nach dem Grundstudium in München bin ich nach Berlin gegangen, auch weil an der FU kein Latinum mehr für den Magisterabschluss nötig war. Wie sagte Aristoteles: Onous syrmat’ an helesthai mallon e chryson – Esel haben Futter lieber als Gold. (Im Redaktionssystem dieser Zeitung ist das griechische Alphabet leider nicht verfügbar.)

Wozu auch Gold? Mein größtes Glück ist, dass meine Frau ihr Herz einem Esel wie mir geschenkt hat. Als Ratgeberin für die Wahl der dritten Fremdsprache ist sie auf jeden Fall kompetenter als ich. Emma konnte von ihrer Mutter allerdings keine neutrale Beratung erwarten. Meine Frau ist Italienerin und hat wie alle Italiener ein Konkurrenzding mit Frankreich (Dolce Vita vs. Savoir-vivre) laufen. Sie ist Philosophielehrerin und hat ihre altsprachliche Schulbildung tatsächlich genossen.

"Französisch kannst du immer lernen, Emma, du sprichst schon Italienisch, das ist doch Pipifax", sagte sie. „Aber Altgriechisch, das machst du entweder jetzt in der Schule oder nie mehr im Leben!“ Abend für Abend rief meine Frau die Götter vom Olymp und die Titanen aus der Unterwelt an. Mythen und Tragödien, Platon und Paulus, Homer und Heraklit, Physis und Logos wurden aufgeboten. Die Kraniche des Ibykus kreisten schon um Emmas Kopf. Als meine Frau ihr schließlich auch noch einen Sprachkurs in Paris versprach, waren die Franzosen endgültig geschlagen. Emma nahm ihren Fragebogen und zog sich zurück. Sie wolle allein entscheiden, wo sie ihr Kreuz macht, sagte sie. Beim Zeus! Sie hat es getan.

Mehrwöchige Intensivkurse in Altgriechisch, Latein und Althebräisch bietet zum Beispiel das Sprachinstitut „Ad Fontes“ in Prenzlauer Berg, Tel. 91 70 11 15, www.antike-sprachen.de

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