Was macht die Familie? : Mit Sprache tricksen

Wie eine Mutterdie Stadt erleben kann.

von

Eins mag ich nicht an den Lehrern und Erziehern“, vertraute mir mein Kleiner kürzlich an. „Sie sagen immer: Du wolltest doch noch deine Sachen aufräumen. Dabei wollte ich gar nicht – ich sollte!“ Da hat er, finde ich, etwas Wichtiges erkannt: Die Sprache ist ein Feld für Machtkämpfe. Zwischen den Generationen, den Hierarchiestufen und den Geschlechtern. Wer die Sprache hat, hat die Deutungshoheit.

Die Lehrer sind nicht die Einzigen im Leben meines Sohnes, die mit Sprache tricksen. Besonders raffiniert tun das die Mädchen in seiner Klasse. „Was heißt eigentlich ,Ladies first‘?“, fragte mich Lucas, während ich ihn und seinen ebenfalls neunjährigen Freund Philipp vom Tischtennis nach Hause kutschierte. Beide wirkten irgendwie bekümmert. Ich nannte ein Beispiel: „Ladies first sagen Männer manchmal, wenn sie Frauen die Tür aufhalten.“

Die Jungs diskutierten erst mal, ob es irgendeinen Grund dafür geben könne, Frauen die Tür aufzuhalten, und fanden keinen. Aber dann kam Lucas eine sprachphilosophische Erleuchtung. „Ach so!“, schloss er messerscharf, „hör mal genau hin: Mama hat gesagt, das sagen die Männer. Also nicht die Frauen selbst!“ Philipp, bedröppelt: „Bei uns sagen das immer die Mädchen.“ Und Lucas, ganz Detektiv: „Genau! Immer wenn sie irgendwas zuerst haben wollen!“ Bisher war ihnen das schnippisch hingeworfene „Ladies first“ der jungen Damen wie ein in sprachliche Form gegossenes Naturgesetz erschienen, das das männliche Geschlecht für immer auf den zweiten Rang verweist. Nun emanzipierten sie sich auf dem Rücksitz lautstark. Sie jubelten, wie von einer Last befreit: „Ab jetzt sagen wir immer: Men first!“

Jungs wissen sich ja auch kommunikativ zu helfen, auf ihre eigene Art eben. Ein Freund von Lucas hat dafür eine prima Methode gefunden. Er wickelt sich ein Pflaster um den Mittelfinger, wo er mal eine winzige Verletzung hatte. Und jedem Mädchen, das vorbeikommt, zeigt er den anstößigen Finger: „Guck mal! DAA habe ich ein Pflaster!“

Jetzt, wo wieder die Zeugnisse anstehen, hilft ein bisschen Sprachtricksen ebenfalls weiter. Lucas errechnete kürzlich, dass zwei seiner Freunde in ihren jeweiligen Klassen die Besten sind. Schade, erlaubte ich mir mäkelig zu bemerken, dass du nicht auch Klassenbester bist! Das Kind lachte nur nachsichtig, denn es hatte die perfekte Antwort parat. „Aber wir sind alle drei blond!“ Dann ist doch alles geritzt. Blonds first! Dorothee Nolte

Für blonde und dunkelhaarige Kinder bietet der Super-Ferien-Pass (für neun Euro jetzt erhältlich) ungetrickste Ermäßigungen und freien Eintritt bei den Berliner Bäderbetrieben.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben