Was macht die Familie? : Nicht immer nur verbieten

Wie ein Vaterdie Stadt erleben kann

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In Leos Schule haben sie „Emil und die Detektive“ gelesen. Finde ich klasse. Aber Leo ist wenig begeistert. Emil sei ein Streber und das Buch nicht spannend. Die „Warrior Cats“ dagegen haben es ihm angetan, gerade verschlingt er Teil vier. Immerhin: Er liest. Aber kriegerische Fantasykatzen – muss das sein? Und warum müssen die angesagtesten Bücher, Filme, Spiele immer englische Titel haben? Ich will kein Spießer sein, aber „Emil und die Detektive“ finde ich nicht nur ein schönes Buch, sondern auch einen guten Titel. Heute müsste Emil E-Man heißen, damit die Jungs das Buch freiwillig lesen.

„Rise of Nations“ ist ein artverwandtes Thema. Leo hat meine alte Laptopmühle übernommen und will dieses Spiel haben. Unbedingt. Er setzt sein gesamtes (inzwischen beträchtliches) Repertoire der Lobbystrategien ein. Mein erster Impuls ist klar: NEIN! Das Spiel ist ab zwölf, du bist neun! Und es ist ein Kriegsspiel! Bei näherer Betrachtung sind aber die Schlachtfelder ganz sicher nicht blutrünstiger und ballermäßiger als seine diversen Star-Wars-Gameboy-Spiele.

Und es ist wirklich ein Strategiespiel, wofür man Grips braucht. Der Spieler muss Städte aufbauen, für Ressourcen und Handel sorgen, bevor er Kriege führen kann. Auf jeden Fall kommt mir das weniger verschroben vor als die Tausenden von Zinnsoldaten, mit denen mein Freund Keith und dessen beide Söhne historische Schlachten nachstellen. Aber will ich, dass Leo Stunde um Stunde vor dem Bildschirm verbringt und sich in virtuelle Welten verstrickt?

Glücklicherweise sind Ferien, wir haben das Thema vorerst vertagt. Manchmal verschwindet so ein Wunsch ja auch wieder schneller, als er erfüllt werden konnte, erst recht, wenn die Schule wieder beginnt. Leo geht auf eine Ganztagsschule und kommt häufig erst nach 19 Uhr nach Hause. Da bliebe gar nicht genug Zeit für das Computerspiel. Aber ich fürchte, darauf brauche ich nicht zu hoffen. Leo ist regelrecht angefixt, seitdem er „Rise of Nations“ bei einem anderen Jungen gespielt hat.

Natürlich gibt es in Sachen Computerspiele viele Ratschläge für Eltern, aber die Entscheidung nehmen sie einem eben doch nicht ab. Ich bin noch nicht so weit. Ich will nicht immer verbieten, ich empfinde die Neunjährigen von heute auch als frühreif, fast pubertär. Aber ich will Leo schützen. Also soll er fürs Erste doch lieber lesen, egal was. Und „Rise of Nations“ überlegen wir uns noch ein bisschen. Bis Weihnachten oder vielleicht auch ungefähr drei Jahre. Moritz Döbler

Die „Warrior Cats“ gibt es inzwischen in zehn Bänden. Fans finden im Internet ein eigenes Portal: www.warriorcats.de. Der zweite Emil-Roman von Erich Kästner heißt „Emil und die drei Zwillinge“.

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