Was macht die Familie? : Nichts anhaben

Wie ein Vaterdie Stadt erleben kann

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Dieser verkorkste Berliner Sommer bot ja bisher wenig Gelegenheit zur Textilfreiheit. Selbst Meteorologen dürften für alle Fälle was zum Wechseln mitnehmen, ehe sie einen Fuß vor die Tür setzen. Kurze Hosen und Regencape, Flipflops und Gummistiefel. Unsere Töchter Emma und Greta hatten das Glück, vor den grausamen Launen von Otto, Peter und den anderen rund 20 miesepetrigen Tiefdruckgebieten für fünf Wochen nach Sardinien entfliehen zu können.

Dort war das Wetter immerhin so gut, dass Greta einen möchtegernenglischen Sommerhit komponierte: „Ei getsam jogi-jo, Ei getman sieht dein Po ... Ei getsam, ei getsam ...“ Eine Nummer, die in ihrer Schlichtheit vermutlich der Bunga-Bunga-Strandanimation der benachbarten Hotelanlage abgelauscht wurde und unserer Vierjährigen vor allem dazu diente, ihrer großen Schwester auf die Nerven zu gehen.

Als Kreuzberger Gören genieren sich unsere Töchter kein bisschen, sich hüllenlos zu vergnügen. Vor allem, seit die beiden den dreijährigen Nachbarsjungen Anton kennengelernt haben, der sich die Sachen vom Leib reißt, sobald er den Spielplatz gegenüber unserem Haus betreten hat.

In Italien – dem Stammland meiner Frau und der Wahlheimat Joseph Ratzingers – ist solche Freizügigkeit etwa so undenkbar, als wenn der Papst von Prada-Schuhen zu Jesuslatschen wechseln würde. Auf italienischen Spielplätzen tragen die Kinder gebügelte Polohemden oder weiße Kleidchen, keines käme auf die Idee, seinen Seitenscheitel in Unordnung zu bringen oder die Zöpfe zu lösen. Ihre Eltern sind ständig in der Nähe und halten noch Achtjährigen die Hand, damit sie nicht zu schnell von der Rutsche sausen.

Unsere Kinder werden dort zweifellos für Wilde gehalten. Aus den Ferien haben sie so viel Sonne im Herzen mitgebracht, dass sie bei jedem Wetter nackt vom Spielplatz zurückkommen, gern auch mit dem kleinen Anton im Schlepptau. Der darf dann bei uns gleich mit in die Badewanne. Stephan Wiehler

Wettervorhersage: Im September wird es noch mal richtig Sommer. FKK-Badestellen gibt es im Strandbad Müggelsee, im Strandbad Wannsee, am Halensee, am Teufelssee und im Strandbad Lübars.

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