Was macht die Familie? : Schnecken sammeln

Wie eine Mutterdie Stadt erleben kann.

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Es wird viel darüber geklagt, dass in den Zeiten der Krise jeder nur an sich selbst denkt. Auch ich kann diese Entwicklung nur kritisieren. Es ist doch so: Wenn jeder mit anpackt, lassen sich die meisten Probleme schneller lösen. Und auch die Arbeit geht leichter von der Hand, wenn jeder mithilft.

Ich kenne das aus meiner Kindheit. In den Sommer- und Herbstferien bin ich regelmäßig aufs Land gefahren und habe den Verwandten dort bei der Ernte geholfen. Das war super, und am Ende gab es immer eine ordentliche Vesper – auch für mich, obwohl ich als Stadtkind nun wirklich keine große Hilfe war. Allerdings liegt mein letzter Einsatz für das Gemeinwesen schon einige Jahre zurück: Weil kein Geld für die Renovierung da war, haben wir Eltern den Klassenraum unseres Sohns gestrichen. Danach – muss ich ehrlich einräumen – kam leider nicht mehr viel. Keine Zeit, Termine. Ständig klingelt das Telefon, Mails wollen beantwortet werden, SMS geschrieben und verschickt.

Neulich saßen wir aber in der Klemme. Meine Tochter brauchte für die Schule eine Schnecke, eine lebendige, mit Gehäuse. Sie versuchte, ein solches Tier zu finden – leider vergeblich. Es hatte seit Tagen nicht geregnet, der Boden war ausgetrocknet, alle Schnecken hatten sich verzogen. Selbst am Teich waren keine mehr zu sehen. Die Not war groß. Das Kind hatte von der Lehrerin schon einmal Aufschub bekommen, aber am nächsten Tag sollte sie mit Schnecke in der Schule erscheinen.

Was tun? Wir riefen Zoohandlungen an und fragten, ob sie lebendige Schnecken verkaufen. Nach einiger Zeit wurden wir fündig. Ich war krank, daher fuhr das Kind allein mit dem Bus dorthin – und kam mit leeren Händen wieder zurück. Er verkaufe Zwölfjährigen keine lebendigen Tiere, hatte der Mann im Laden gesagt. Das ist ehrenwert, aber für uns war das fatal.

Das Kind war verzweifelt, ich war ratlos. Und klagte einer guten Freundin mein Leid. Zwei Stunden später stand sie vor der Tür – mit zwei putzmunteren Schnecken. Unsere Retterin hatte kurzerhand all ihre Freundinnen angerufen, die Gärten haben und diese auch wässern, und sie auf Schneckenjagd geschickt. Ich finde, Gemeinsinn ist etwas Wunderbares. Auch, oder vielleicht sogar gerade, in den Zeiten der Krise. Heike Jahberg

Was man tun kann, um Berlin schöner zu machen, lesen Sie in unserer aktuellen Tagesspiegel-Serie „Saubere Sache“. Am 15. September gibt es dazu einen großen Aktionstag. An dem können auch all diejenigen teilnehmen, die sich normalerweise mehr für Handys, Laptops oder MP3-Player interessieren als fürs Pflanzen oder Streichen. Die Ifa ist dann nämlich vorbei.

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