Was macht die Familie? : Seelenverwandtesuchen

Wie eine Mutterdie Stadt erleben kann.

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Im letzten Sommer haben sich Jan und Josefine getrennt – naja, nicht ganz. Sie sind auseinandergezogen, genauer: jeder hat sein eigenes Zimmer bekommen. Als Eltern hätten wir das gern hinausgeschoben, aber Jan und Josefine waren zu keinen weiteren Verhandlungen bereit. Wie sich zunehmend erweist, war es höchste Zeit. Ihr erstes Jahrzehnt haben die beiden als Zwillinge ausgesprochen einvernehmlich verbracht. Anfangs sahen sie sich sogar zum Verwechseln ähnlich. Blaue Augen, blonde Löckchen, herzig anzusehen. Harmonie auf ganzer Linie.

Doch mit dem Frieden, zumindest gleichen Interessen, ist es erst einmal vorbei. Josefine nennt ihren Bruder „Freak“, wenn er sich seinem neuesten Hobby, der Briefmarkensammlung, widmet. Umgekehrt kann Jan Josefines Begeisterung für das Zeichnen von Manga-Figuren – übergroße Köpfe, Kulleraugen – kaum verstehen. Wie weit die beiden auseinandergedriftet sind, erwies sich ausgerechnet an Fasching. Jan verkleidete sich als Cowboy mit Colt, Fransenweste, Hut und darin noch ganz Kind. Josefine hingegen wollte als Zwilling gehen, was zunächst für Verwirrung sorgte. Denn dabei hatte sie keineswegs den eigenen Bruder im Sinn, sondern ihre Freundin Chaima – als Schwester des Herzens.

Am Vortag ihres großen Auftritts machten sich die beiden Seelenverwandten zum Shopping auf den Weg. Glücklich kehrten sie mit lila Perücken und gleich gestreiften T-Shirts zurück. Morgens traf sich das Duo zur Schminkaktion: grüner Nagellack, Wimperntusche, knallroter Lippenstift. Zur Krönung des Outfits wurden „Hackenschuhe“ anprobiert, denn das eigentliche Ziel der Verkleidung war das Rollenspiel als Weibchen, das sich im Doppelpack weitaus leichter ausprobieren lässt.

Was Jan und Josefine hautnah erleben, lässt sich auch in ihren Klassen studieren. Zehnjährige sind je nach Entwicklung groß und klein, fast schon erwachsen und doch noch Kind, oft beides zugleich, was für die Nächsten ganz schön verwirrend sein kann. Mit einer Schwester, die am selben Tag Geburtstag hat, aber ist es besonders schwer, denn die Mädchen haben die Jungs in dieser Phase meist abgehängt.

Nicht einmal der klitzekleine Vorteil, dass Jan zwei Minuten älter ist, zählt noch. Welche Schmach für ihn, dass sich daraus nicht einmal die Garantie ableiten lässt, als erster die Freunde zum Geburtstag einladen zu dürfen, sondern jährlich eisern abgewechselt wird. Irgendwann feiern sie wieder zusammen, nur weiß er das noch nicht. Nicola Kuhn

Nach anstrengendem Shopping und geschwisterlichem Gefetze empfiehlt sich zur Erholung Bubbletea: Tee Quadrat, Rheinstr. 32, Tel.: 68 07 09 79

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