Was macht die Familie? : Sich Prüfungen entziehen

Wie eine Mutterdie Stadt erleben kann.

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Ein Vorteil des Erwachsenendaseins liegt definitiv darin, dass man sich in der Regel keinen Prüfungen im schulischen oder universitären Sinn mehr stellen muss. Es sei denn, man ist Arzt und sattelt immer noch eine Qualifikation drauf, die gegenüber einer Kommission nachgewiesen werden muss. Aber ich bin Journalistin und brauche im Beruf lediglich die Prüfungen des alltäglichen Redaktionswahnsinns zu bestehen. Das reicht mir völlig. Meine letzte reguläre Prüfung – jene im Examen – liegt mehr als ein Vierteljahrhundert zurück. Und darüber bin ich sehr froh, auch wenn diese mich ab und zu im Traum einholt. Sportarten, in denen Tests verlangt werden, lehne ich ab. Deswegen werde ich nie Golf spielen, weil ich da meine Platzreife unter Beweis stellen müsste. Selbst Computerspiele wie die „Angry Birds“, bei denen bestimmte Level überwunden werden wollen, sind Psychostress. Aber niemand zwingt mich ja dazu.

Meine Tochter ist nicht in solch einer komfortablen Situation. Charlotte kann sich nicht aussuchen, ob sie sich prüfen lässt oder nicht. So ist Schule nicht konzipiert, ganz besonders nicht in diesem Jahr. Denn am Ende des Schuljahres soll das Abitur stehen – bestanden natürlich. Damit Charlotte und ihr Jahrgang sich schon einmal an die besondere Abitursituation gewöhnen, waren in dieser Woche Klausuren unter Echtzeitbedingungen angesetzt. Fünf Schulstunden lang mussten sich die Zwölftklässler beispielsweise im Englischleistungskurs mit Fragen der Globalisierung auseinandersetzen. Die armen Schüler, die 240 Minuten lang schreiben und schreiben und schreiben mussten. Die armen Lehrer, die anschließend die Konvolute lesen müssen. Das werden bestimmt schöne Herbstferien. Warum glaubt eigentlich jemand, dass die Qualität einer Klausur von der Länge der Prüfungszeit abhängt? Als Journalistin weiß ich, dass kurze Artikel oft lesefreundlicher sind als lange Elaborate.

Charlotte unterzieht sich derzeit noch einer anderen Prüfung: Sie macht den Führerschein. Bei den praktischen Übungsstunden hat sie schon eine wesentliche Erfahrung gemacht. Eine der größten Herausforderungen für Berliner Autofahrer sind die vielen, vielen Fahrradfahrer, bei denen man in der Stadt mit allem rechnen muss. Die Theorie ist auch nicht ganz ohne. Ich habe mich ebenfalls schon an einem Probetest versucht. Vier Mal habe ich am iPad bereits vor den jeweils 30 Fragen gesessen. Bestanden habe ich noch nie. Ich hasse Prüfungen. Sigrid Kneist

Nach absolvierter Prüfung kann man sich mit einer reichhaltig garnierten Waffel von Wonderwaffel, Adalbertstrasse 88 in Kreuzberg belohnen. (www.wonderwaffel.de)

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