Was macht die Familie? : Sich verweigern

Wie eine Mutterdie Stadt erleben kann.

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Die Zeiten ändern sich. Vor einigen Jahren noch hätte allein der Absender dieses Briefes Herzklopfen in Familien ausgelöst. Zumindest wenn das Schreiben einem jungen Vertreter des männlichen Geschlechts galt. Aber jetzt? „Kreiswehrersatzamt? Was ist das denn?“, fragt unsere Tochter, knapp 17, als sie den an sie gerichteten Brief sieht. „Das ist eine Behörde für die Bundeswehr“, sage ich. „Und was will die von mir?“ – „Dich wahrscheinlich für die Bundeswehr werben“, erkläre ich. „Ach, so“, sagt Charlotte und lässt den Brief liegen.

Kreiswehrersatzamt! Ein behördliches Wortmonstrum. Was will einem der Begriff eigentlich sagen? Drei der vier Wortbestandteile leuchten mir sofort ein: Kreis, Wehr, Amt. Aber Ersatz steht bestimmt nicht für Zivildienst, mit dem man die Bundeswehr umgehen konnte. Ein schneller Blick bei Wikipedia erklärt: Das Amt beschafft Wehrersatz für die ausscheidenden Soldaten, die bei der einst geltenden Wehrpflicht nur für einen relativ kurzen Zeitraum zu dienen hatten. Sinn und Zweck des Amtes ist also schlicht, neue Rekruten beizubringen.

Aber seit einem guten Jahr ist die Bundeswehr eine Freiwilligenarmee. So einfach läuft es nicht mehr mit dem Nachwuchs. Jetzt konkurriert in der Karriereplanung der jungen Menschen das Berufsbild Fachunteroffizier mit dem des Bäckergesellen oder das der Luftwaffenoffizierin mit dem der Betriebswirtin.

Bei dem hiesigen allgemeinen Fachkräftemangel muss also auch die Bundeswehr gut rüberkommen. Bei diesem Anwerbeversuch würde ich rein formal doch ein wenig Verbesserungspotenzial sehen. Das Anschreiben ist eher militärisch knapp gehalten. Frau/Herr ... lautet die Anrede, kein „Liebe“, „Sehr geehrte“ – das gilt wahrscheinlich als ziviler Firlefanz. Und zum Schluss gibt’s auch keine Grüße. Der Schreiber verabschiedet sich schlicht mit „Ihr Karriereberater“. Meine Tochter hat’s schon gerne etwas verbindlicher, freundlicher. Sei’s drum. Schauen wir aber mal nicht nur auf die Form, sondern auch auf den Inhalt. Gesucht werden junge Frauen und Männer, die unter anderem mobil, flexibel, körperlich und geistig fit sowie bereit sind, „für Deutschland und seine Bürger einzustehen“. Geboten werden interessante Arbeitsplätze, unentgeltliche truppenärztliche Betreuung sowie eine gute Bezahlung.

Von alledem erfährt meine Tochter leider nichts. Charlotte hat den Brief des Kreiswehrersatzamtes nie gelesen. Sie hat ihn ignoriert und – sich – verweigert. Sigrid Kneist

Das Auskunfts- und Beratungszentrum der Bundeswehr befindet sich in der Oberspreestraße 61, 12435 Berlin. Telefon: 6794-2000

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