Was macht die Familie? : Umschalten zur Tagesschau

Auch Kinder sollten sich irgendwann mit dem großen Weltgeschehen beschäftigen. Aber ab welchem Alter sind die Abendnachrichten zu empfehlen? Und darf die kleine Schwester auch zuschauen? Ein Vater macht sich Gedanken.

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Ein Mädchen sitzt vor dem Fernseher.
Kind und Fernsehen, ein Dauerthema, in das sich Eltern immer wieder einschalten müssen.Foto: dpa

Irgendwann muss man auch Kindern mal die Augen für die Wirklichkeit auf dieser Welt öffnen. Auch in Berlin-Kreuzberg wachsen unsere Töchter ja ziemlich behütet auf, vielleicht nicht im Vergleich zu Oberammergau oder Wittmund, aber doch sicher im Vergleich zu Kabul oder Koulikoro. Also haben meine Frau und ich beschlossen, dass es für Emma mit elf Jahren an der Zeit ist, von den Kindernachrichten „Logo“ auf die große „Tagesschau“ umzusteigen. Falls sie nicht alles auf Anhieb versteht, gibt es ja noch den Papa als newserfahrenen Mitzuschauer und Welterklärer auf dem Sofa.

Weil aber in einer vierköpfigen Großfamilie nie irgendetwas unkompliziert laufen kann, gab es natürlich sofort wieder ein Problem. Emma und ich konnten gar nicht so schnell gucken, wie Greta sich uns dazugesellte. Plötzlich interessiert sich auch unsere Siebenjährige ganz brennend fürs große Weltgeschehen.

Die Tagesschau rückt damit in die Liga von „Harry Potter“ und „Fluch der Karibik“ auf. Für beide Filmreihen konnte Emma nur kurze Zeit das exklusive Zuschauerrecht für sich beanspruchen, gegen Gretas erbitterten Protest gelang es uns Eltern nicht, die Altersempfehlung von mindestens zwölf Jahren durchzusetzen. Ja, wir sind erzieherische Totalversager, ein Fall für die Elternhilfe. Und wenn die beim Jugendamt nur genug Personal hätten, säßen wir wahrscheinlich längst im Elternheim und warteten sehnsüchtig darauf, von braven Kindern aus Oberbayern adoptiert zu werden.

Für Greta ist die Tagesschau natürlich größtenteils stinklangweilig. Die meiste Zeit verfolgt sie die Nachrichten desinteressiert, redet dazwischen und nervt. Das Einzige, was sie fesselt, sind die Gruselmomente, in denen sie sich schaudernd die Decke über den Kopf zieht, zum Beispiel, wenn das Gesicht des misshandelten ukrainischen Oppositionspolitikers Bulatow gezeigt wird.

Solche Momente sind in der Tagesschau selten verglichen etwa mit den effektgeladenen Auftritten von Zauberfinsterling Lord Voldemort. Im Vergleich zu „Harry Potter“ würde ich der Tagesschau locker eine Freigabe ab sechs Jahren geben.

Der Unterschied zwischen Wirklichkeit und Fantasie ist: Die Tagesschau-Redaktion kann auf den Horror der Bilder viel weniger Einfluss nehmen als Hollywood. Wir alle auf dieser Welt sollten uns anstrengen, Nachrichten zu produzieren, die man Menschen in jedem Lebensalter zumuten kann. Wie groß der Einfluss Hollywoods auf unsere Kinder ist, müssen wir Eltern selbst bestimmen – so lange wir uns durchsetzen können.

In den beiden Wettbewerben Generation Kplus und Generation 14plus zeigen die Berliner Filmfestspiele Kinder- und Jugendfilme für alle Altersklassen. Tickets unter www.berlinale.de

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