Was macht die Familie? : Von der Wirklichkeit angerempelt werden

In unserer Familienkolumne geht es heute um den ersten Zirkusbesuch mit Kind.

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Der Besuch im Zirkus sorgt bei unserem Autor für Überraschungen.
Der Besuch im Zirkus sorgt bei unserem Autor für Überraschungen.Foto: dpa/picture-alliance

Das Licht war schon aus und Max kurz vor dem Einschlafen, als er uns unbedingt noch etwas erzählen wollte. Er habe heute eine Schlange getroffen. In der Kita. Das ist ja nichts Außergewöhnliches. Dreijährige treffen in der Kita regelmäßig Schlangen. In der Kiste mit den Stofftieren. In Büchern wie dem „Grüffelo“. Aber Max sagte, er habe sie auch angefasst und zwei Kinder hätten sie sich sogar um den Hals gelegt. Wir schauten uns etwas irritiert an. Da seien zwei Frauen in die Kita gekommen und hätten die Schlange mitgebracht. Eine Verwechslung? Eine neue Erziehungsmethode, von Schlangen fürs Leben lernen?

Am nächsten Tag las ich im Wochenprotokoll der Kita, eine Baby-Königspython sei zu Besuch gewesen. Wer sie sich um den Hals legen ließ, bekam eine Freikarte für den Zirkus. Plakate mit Clowngesichtern reichen wohl nicht mehr als Werbung. Es müssen schon wilde Tiere sein. Aber was soll ich sagen? Es wirkt. Wir wollten jedenfalls alle in den Zirkus.

Wenn ich mal eine Liste zusammenschreiben sollte mit 100 Sachen, von denen ich glaube, man sollte sie mit seinen Kindern mal gemacht haben – der Zirkusbesuch käme bestimmt in die Top 10, zusammen mit Keksebacken und Papierfliegerfalten. Und mit drei Jahren kann es doch losgehen. Dachte ich. Nach den ersten Minuten hätte ich den Zirkus gerne wieder von der Liste gestrichen. Wir saßen in einem gut beheizten Zelt. Meine Vorfreude war groß. Die von Max nicht zu sehen. Es war der Undwaskommtjetzt-Blick. Dann dröhnte Musik aus den Lautsprechern, der Vorhang flog auf und zwei buschige Kamele rasten durch die Manege. Direkt an unseren Nasen vorbei. Sie sahen von unseren Plätzen aus wie riesige Urzeittiere. Max’ Miene verzog sich. Aus Undwaskommtjetzt wurde Ichwillnachhauseundzwarsofort. Als nach den Kamelen noch ein großes schwarzes Pferd auf uns zugaloppierte, liefen Max längst dicke Tränen über die Wangen.

Kindergroßziehen ist ein permanentes Sich-Verschätzen. Man malt sich alles so schön aus. Und dann rempelt einen ein unfreundliches Wesen namens Wirklichkeit an und blafft: Na, hast du mich wieder vergessen? Wir dachten, im Vergleich zum Zirkus wäre „Biene Maja“ ein Thriller. Völlig verschätzt. Es wurde nicht besser, als sich eine junge Dame mit einem Reifen unters Zeltdach ziehen ließ und hoch oben akrobatische Kunststücke zeigte. Um uns herum sah ich nur strahlende Kindergesichter. Bei Max blieben alle Mittelchen aus der Trostkiste wirkungslos. Wir retteten uns irgendwie in die Pause.

In der zweiten Halbzeit wurde aus Ichwillnachhauseundzwarsofort allmählich ein Ichschaumalweiter. Eine Hundedressur und ein paar Ponys beruhigten die Nerven. Die Akrobatiknummern schien Max jetzt als Spielplatz-Schaukeln durchgehen zu lassen. Wir gingen erleichtert nach Hause. Vom Zirkus wagten wir erst mal nicht zu reden.

Gestern hat Max uns beim Frühstück erzählt, dass er jetzt gerne in den Zirkus gehen würde. „Ach ja, was hat dir denn da so gut gefallen?“ – „Die Kamele. Da will ich auch mal drauf reiten.“ Verschätzt, schon wieder. Nächsten Donnerstag gehen wir in die Stadtbücherei zum Bilderbuchkino. Eine sichere Nummer, eigentlich.

Der wirklich sehenswerte Familienzirkus Astoria spielt ab Freitag in Charlottenburg in der Quedlinburger Straße Ecke Sömmeringstraße.

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