Was macht die Familie? : Zähne geraderücken

Wie eine Mutterdie Stadt erleben kann.

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Für die nächsten Donnerstage hat Josefine einen festen abendlichen Termin: Germany’s Next Topmodel. Gemeinsam mit ihrem Zwillingsbruder Jan bildet sie von Schöneberg aus das externe Jury-Team für die Wahl der Schönsten unter den jugendlichen Bewerberinnen. „Die ist doch eigentlich ganz hübsch“ , befinden die beiden strengen Beauty-Richter aus dem sicheren Abstand der Fernsehcoach. Oder: „Also nein, die Haare von der da!“ Gemeinsam mit Heidi Klum sehen sie bei den Model-Adeptinnen noch eine Menge Arbeit bis zum perfekten Laufstegauftritt.

Doch nun hat es Jan und Josefine selbst erwischt. Der Kiefernorthopäde hat sich ihre Zähne mit aller nötigen Urteilskraft angeguckt und ihnen Klammern verordnet. Ihre Beißer gehören ganz klar geradegerückt. Josefine kennt das schon, die erste Runde hat sie bereits absolviert. Doch nun, mit elf Jahren, wird es wirklich ernst. Jetzt kommen die Brackets, die fest installierten Verdrahtungen. Eigentlich finden Jan und Josefine das sogar schick. Schließlich tragen alle ihre Klassenkameraden diese Dinger im Mund.

Doch bei ihrem jüngsten Besuch in der kiefernorthopädischen Praxis zur Gebissabformung als Grundlage einer ersten Klammer, da waren sie erst einmal geschockt. Vier Jahre soll die Behandlung maximal dauern, erfuhren sie da. Den Anfang macht ein mobiles Gestell, das nur zum Essen und beim Sport herausgenommen werden darf. Josefine war fast den Tränen nah. Ihr wurde ein „Bionator“ in Aussicht gestellt, der den Kiefer weitet und den Träger dazu zwingt, mit geschlossenen Zähnen zu sprechen. Das arme Kind.

Der Kiefernchirurg nimmt es sportlich. Als Patientin ist Josefine geradezu ideal, ihre Zähne stehen kreuz und quer, das Ergebnis fällt am Ende umso schöner aus. Außerdem schenkt er als Arzt den Kindern doch Karrieren: Wer seine Zähne zeigen mag, wer im Bewerbungsgespräch strahlend lächelt, der wird eher genommen, haben Studien herausgefunden. Mit diesem Argument braucht man Josefine allerdings noch nicht zu kommen, auch wenn die Bildergalerie in der Praxis mit all den Zähne bleckenden Teenagern, die mit perfektem Gebiss aus der Behandlung entlassen wurden, als weitere Aufmunterung dienen soll. Ihr erster Job ist noch eine Weile hin.

Wir haben uns dann auf den Schreck einen Besuch bei „Mamsell“ gegönnt: eine Bionade trinken, in Zeitschriften blättern. Prompt stieß Josefine auf eine Story über die Kandidatinnen von „Germany’s Next Top Model“. Deren Zähne werden am nächsten Donnerstag besonders prüfend angeschaut. Nicola Kuhn

Mamsell, Goltzstr. 48, 10781 Berlin

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