Was macht die Familie? : Zeit schinden

Wie eine Mutterdie Stadt erleben kann.

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Wer zu Hause ein oder – schlimmer noch – zwei Kinder in der Pubertät hat, ist gut beraten, sich gelegentlich mithilfe von Lexika seines Verstandes zu vergewissern. Unter „Zeit“ liest man bei Wikipedia nämlich folgende, erhellende Ausführung: „Die Zeit beschreibt die Abfolge von Ereignissen, hat also im Gegensatz zu anderen physikalischen Größen eine eindeutige, unumkehrbare Richtung. (…) Aus einer philosophischen Perspektive beschreibt die Zeit das Fortschreiten der Gegenwart von der Vergangenheit kommend zur Zukunft hinführend. Nach der Relativitätstheorie bildet die Zeit mit dem Raum eine vierdimensionale Raumzeit, in der die Zeit die Rolle einer Dimension einnimmt. (...)“

Gut zu wissen. Denn Menschen in der Pubertät scheinen ein komplett anderes Verständnis von Zeit und Raum zu haben. Zu diesen Wesen gehört unser 17-Jähriger. Aus der Relativitätstheorie hat Tom einzig mitgenommen, dass alles relativ ist, vor allem die Zeit. Besonders morgens vor der Schule. „Gleich stehe ich auf“, sagt unser Junge. Das ist so gegen sieben in der Früh. Um zehn nach sieben heißt es, er komme „sofort“, bis zwanzig nach sieben passiert meist nichts. Spätestens um zehn vor acht muss er die U-Bahn nehmen, um rechtzeitig in der Schule zu sein. Manchmal klappt das, manchmal nicht. Das passiert, wenn ein relativer Zeitbegriff auf einen fixen Fahrplan trifft.

Auch sonst ist das so eine Krux mit der Zeit. Die Zeit zum Lernen ist knapp, weil die Zeit zum Fußballspielen benötigt wird. Oder zum Chatten. Oder zum Checken der Facebook-Nachrichten. Und da die Stunden nun mal unaufhaltsam voranschreiten, lässt sich die verlorene Zeit auch nicht zurückholen. Für Menschen in der Pubertät ist das kein Problem. Sie bleiben einfach länger auf und erledigen nachts die Arbeit, die vom Tage übrig blieb. Die Zeit geht währenddessen weiter. Die Schlafenszeit ist kurz, das Aufstehen eine Qual. Siehe oben.

Zum Glück sind jetzt Ferien. Aber leider hält dieser Zustand nicht ewig an. Bald beginnt die Schule wieder. Mal sehen, wie es läuft. Wenn die Zeit dann wieder unumkehrbar davonläuft, die Zukunft Gegenwart geworden ist und die Raumzeit eine bedrohliche Dimension angenommen hat, dann, spätestens dann ist es Zeit für einen neuen, noch lauteren Wecker. Denn merke: Nicht alles ist relativ. Heike Jahberg

Ein wunderbares Buch über die Zeit und das Zeitsparen ist „Momo“ von Michael Ende. Alte Uhren kann man sich im Privatmuseum des Uhrmachers Hans Lorenz in der Steglitzer Rheinstraße 59 ansehen. Telefon: 8512020

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