Was macht ein Eisladen im Winter : Kunsthandwerk in der Eisvitrine

Eine ruhige Kugel schieben? Nicht hier! In der Eismanufaktur in der Neuköllner Weberstraße verkaufen Angestellte und Kunden im Winter selbstgemachten Schmuck und Dekoartikel.

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Ruhige Kugel? Nicht hier! Auch im Winter haben Mo Klinz (links) und Mandy Schüler in ihrem Eisladen genug zu tun.
Ruhige Kugel? Nicht hier! Auch im Winter haben Mo Klinz (links) und Mandy Schüler in ihrem Eisladen genug zu tun.Foto: Thilo Rückeis

Der Blick durchs Ladenfenster täuscht – die Vitrine ist beleuchtet und gefüllt, fast ist man versucht, sich trotz nassen Wetters eine Kugel Eis mitzunehmen. Doch die Kühlung ist schon lange abgeschaltet, das Eis in die Gefriertruhe gewandert. Statt Mango, Schokolade und Karamell stellt die Neuköllner Eisverkäuferin Mo Klinz, 43, in der Vitrine ihren selbst geknüpften Schmuck aus. Zwischen einer Dekoration aus Steinen, Muscheln, Holz und Moos hat sie ihre Arbeiten aus Schnüren und Heilsteinen drapiert.

Die Kollegen der Berliner Eismanufaktur mit mehreren Standorten in der Stadt haben es ihr gleichgetan. Sie verkaufen ihre Kunst und Handarbeit in der über den Winter pausierenden Filiale in der Neuköllner Weserstraße. „Zwischenräume“ haben sie den Laden genannt, in dem sie noch bis Ende Februar Handarbeiten wie bedruckte Pullis, Stofftiere und Keramik verkaufen. Sie habe gewusst, dass viele ihrer Kollegen kreativ arbeiten, sagt Mo Klinz. „Aber als ich es dann gesehen habe, war ich schon überrascht, wie toll das ist.“ Mit Mandy Schüler, 25, aus Schöneberg, die in der Eissaison die Filiale in Mitte leitet, wechselt sich Klinz mit den Verkaufsschichten ab.

Die gekühlte Vitrine weiterzubetreiben, lohnt sich zur kalten Jahreszeit nicht. Deshalb steht der Laden vier Monate im Jahr zur Zwischennutzung zur Verfügung. Dass die Mitarbeiter der Eismanufaktur diesen Winter selbst in den Räumen geblieben sind, kam auch durch die Idee, den Stammkunden in der Neuköllner Filiale weiterhin ihre Lieblingssorten anzubieten. Denn das Eis ist aus der Vitrine zwar verschwunden, jedoch nur vorübergehend umgezogen: in kleine und große Becher gefüllt in die Gefriertruhe im hinteren Ladeneck. „Die haben sich riesig gefreut, als wir ihnen gesagt haben, dass sie das Eis auch über den Winter kaufen können“, sagt Mandy Schüler. Statt auf der Bank vor dem Laden löffeln die Kunden ihr Eis jetzt eben zu Hause auf der Couch.

Wo sonst die Waffeln auf der Vitrine stehen, hockt jetzt ein kleines Strumpfäffchen. Eine Stammkundin verkauft die Stofftiere – der Erlös geht an Kinder in Indien. Aus den Einnahmen der bunten, eingerollten Strickdecken, die sich im Regal stapeln, soll die Flüchtlingshilfe unterstützt werden. „Die sind von einem Omi-Strickzirkel von der Mutter einer Kollegin“, sagt Mandy Schüler.

Am Anfang habe sie noch gezweifelt, ob sie die neu aufgestellten Regale im vorderen Ladenbereich überhaupt voll bekämen, sagt sie. Tatsächlich kamen so viele Anfragen, auch von Kunden und Freunden von Kollegen, dass sie gar nicht alles annehmen konnten. „Besonders vor Weihnachten haben sich viele Leute gefreut über Geschenkideen“, sagt Mo Klinz und zeigt auf Mützen und Schals, Tassen und Gläser, Holzschnitzereien.

In allen Farben leuchten an der Wand auch Jacken aus Schurwolle. Mo Klinz hat sie mitgebracht, als sie im vergangenen Jahr über die Winterpause mit ihrer Familie in Nepal war. Der Erlös geht zurück an die nepalesische Familie, die die Jacken herstellt. Mandy Schüler hat die Wintermonate im vergangenen Jahr ihrem neugeborenen Sohn gewidmet. „Eine richtige Eisfee bekommt ihr Kind eben im Winter“, sagt Mo Klinz und lacht. Jetzt verkauft Mandy Schüler kleine Libellen- und Schmetterlingsfiguren aus Bambus, die sie selbst lackiert und bemalt. Außerdem stellt sie Zettel- und Stiftboxen aus recyceltem Papier her. Als die erste Box verkauft wurde, war sie gerade im Urlaub in Neuseeland. „Da hat Mo mir gleich eine SMS geschrieben“, sagt sie.

Hinter der Ladentheke löffelt Mandy Schüler einen Becher Schokoeis aus der Gefriertruhe. Kurz darauf wird die Truhe abermals geöffnet, als eine Kundin sich einen Becher Erdbeer-Minze kauft und in ihre Handtasche steckt. „Die Kunden werden zu Hause richtig kreativ mit ihrem Eis“, sagt Mo Klinz. Eine Stammkundin hat ihr von warmem Apfelstrudel mit Zimteis berichtet, eine andere von Birnenkompott mit Vanilleeis. Zeit für Gespräche mit der Kundschaft ist für Schüler und Klinz ein rares Gut zur Sommersaison. „Da geht es immer nur so“, sagt Mandy Schüler und macht mit ihrem Arm die löffelnden Bewegungen des Eisverkäufers. Mit der Winternutzung ist Besinnlichkeit eingekehrt.

Beide seien sie Eisverkäuferinnen „aus Liebe zum Eis“, sagt Mo Klinz. Die Ruhe genießt sie dennoch – keine Frage, die Zwischenräume soll es auch im nächsten Winter wieder geben.

Zwischenräume ist Montag bis Samstag von 14 bis 20 Uhr geöffnet, Eis gibt es auch am Sonntag von 14 bis 20 Uhr in der Weserstr. 6, Neukölln.

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