Berlin : Was Politiker von Sportlern lernen

Elisabeth Binder

Als Botschafter hat Silvio Fagiolo natürlich einen Chauffeur. Aber am Sonntag, da geht er seinen eigenen Leidenschaften nach. Da steigt er in den 500er Fiat und fährt durch unbekannte Bezirke, sieht sich hier einen Park an, dort eine Kirche oder ein Museum. Oder er lässt ganz einfach die Häuser auf sich wirken. Und, ja, er ist schon ein bisschen stolz darauf, dass er den Weg zur Oranienstraße erklären könnte.

Wir befinden uns ja schon in Kreuzberg: Der 63-Jährige italienische Botschafter mit dem akkuraten grauen Haarschnitt sitzt auf einem weißen Sofa in der derzeitigen Kanzlei in der Dessauer Straße, nahe am Potsdamer Platz. Das helle Neonlicht signalisiert, dass es sich um ein Provisorium handeln muss. Im gleichen Gebäude residieren auch Lesotho und Costa Rica. Noch etwa zehn Monate wird es dauern, bis die alte, neue italienische Botschaft am Tiergarten fertig ist. Die Möblierung bereitet noch Probleme. Mit welchen Lampen stattet man Räume aus, die hoch wie ein Theater sind? "Eine Lampe ist eigens aus Washington zurückgeschickt worden", erzählt Fagiolo amüsiert. Es ist einfach sehr schwierig, genau die richtigen Möbel zu finden. "Anfangs habe ich mal an Bauhaus gedacht", sagt er. Aber das passt auch nicht recht. Italienisches Design hat Maßstäbe gesetzt, und die verlangen offenbar nach Extra-Anstrengungen, wo es um die Ausstattung repräsentativer Gebäude geht.

Die Wiederherstellung der Kanzlei am Tiergarten zu begleiten, ist nur eine Aufgabe des Botschafters. Er kennt das Gebäude schon lange, ist richtig stolz darauf, ein Alt-Berliner zu sein. 1965/66 nahm der junge Diplomat ein Jahr Aus-Zeit und ging von Brüssel nach Berlin, um Jura zu studieren. Wer kennt schon noch den Sportpalast? Er schon. Ein fruchtbares Unterfangen war das Studienjahr in jeder Hinsicht, denn in dieser Zeit lernte er seine Frau Margarete kennen, eine gebürtige Kölnerin, die Botanik studierte. Die beiden Kinder sind inzwischen groß, die Tochter arbeitet bei den Vereinten Nationen in Genf, der Sohn praktiziert und lehrt Jazz in den USA. Moskau, Washington und Bonn waren Stationen auf seinem diplomatischen Weg, unter anderem hat er die Ständige Vertretung Italiens bei der Europäischen Union geleitet. Damit sind wir auch schon bei seinem besonderen Interesse als Botschafter angelangt, der Europapolitik. Was können beide Länder tun, um die europäische Integration voranzutreiben? Diese Frage kennzeichnet für ihn eine der wichtigsten diplomatischen Aufgaben in Zeiten, da Minister und Beamte untereinander oft genug über Sachfragen telefonieren, so dass die politische Berichterstattung nicht mehr so wichtig ist wie früher. Auch das dieser Tage zelebrierte Europäische Wochenende wirft ein Schlaglicht darauf. Rund 700 000 Italiener leben in Deutschland, davon etwa 15 000 in Berlin. Die doppelte Staatsbürgerschaft würde ihre Situation sehr verbessern, glaubt Fagiolo, und er hofft, in dieser Hinsicht bald einen Erfolg erlangen zu können.

Was die italienische Lebensweise angelangt, hat sich seit seinen Studententagen einiges verändert. Damals gab es in Berlin sieben oder acht italienische Restaurants, erinnert er sich, heute sind es fast achthundert. Italienische Designer habe er aber damals auf seinen Spaziergängen von der Gedächtniskirche nach Halensee auch schon gesehen. Natürlich sind auch diese inzwischen viel zahlreicher vertreten, was er besonders bei den Erkundungsgängen durch die neue Mitte sieht. Den Erfolg der italienischen Lebensweise erklärt er gern mit einer Anekdote des italienischen Begründers der Psychoanalye Cesare Musatti, der, gefragt, was Psychoanalyse sei, antwortete: "Das ist eine Lehre, mit der Juden Nordeuropäern beibringen, sich wie Menschen aus dem Mittelmeerraum zu verhalten."

Der Botschafter studiert Verhaltensweisen am liebsten auf dem Theater. Designer interessieren den gebürtigen Römer nämlich längst nicht so sehr wie die Klassik. Er liebt die Berliner Theater, "weil ich keine andere Stadt kenne, in der so viele Klassiker aufgeführt werden."

Neben der Kunst begeistert er sich für Geschichte, die er mit seinem leichten Akzent "gefrorene Politik" nennt, und natürlich für Sport. Erinnert sich noch genau, wie er 1954 zum Bahnhof ging, als die siegreiche deutsche Fußballnationalmannschaft Rom einen Besuch abstattete, und wie er Sepp Herberger ganz aus der Nähe sehen konnte. Und an das sehr dramatische Spiel mit Beckenbauer 1970 in Mexiko, bei dem Italien 4 : 3 gewonnen hat, erinnert er sich auch. Er hat in seinem diplomatischen Leben viel mit Politikern zusammengearbeitet, und eines ist ihm an allen aufgefallen: der große Respekt, den sie vor Sportlern haben. "Sie sehen, wie Sportler die Menschen begeistern, wie sie Anteilnahme bekommen, genau das, was sie selber wollen. Aber selbst einem Schriftsteller gelingt das nicht in gleicher Weise, die Liebe zum Sport wurzelt sehr tief in den Menschen." Und was ist sein Lieblingsverein? Er schüttelt den Kopf, ganz Diplomat. Dazu kann er gar nichts sagen. Sein feines Lächeln wird undurchdringlich.

Genauso diplomatisch reagiert er auf die Frage nach dem Widerspruch zwischen dem Siegeszug italienischer Lebensweise und der häufigen Kritik an der Regierung, der er zweifellos ausgesetzt sein muss. Es sei schließlich die Aufgabe eines jeden Diplomaten, die Politik seiner Regierung zu erklären und den Leuten verständlich zu machen. Er glaube schon, dass manche Presse-Kritik unbegründet sei. Sicher werde diese Regierung nationale Interessen stärker vorantreiben. Als Beispiel nennt er die Bewerbung Parmas als Sitz der europäischen Lebensmittelbehörde. Allerdings haben sich auch Helsinki und Lille darum beworben, ein Einlenken der Italiener ist nicht in Sicht. Der aktuelle Wandel im Außenministerium bedeute allerdings nicht, dass die italienische Politik für eine starke europäische Integration sich verändere. Gerade auch im Hinblick auf die EU-Präsidentschaft in der zweiten Hälfte 2003 wolle Italien weiter eine Protagonistenrolle in diesem Prozess spielen.

"Es gibt zu wenig Antworten auf zu viele Fragen", seufzt er philosophisch. Inzwischen hat er sich zurückgelehnt und blickt nach oben wie in eine Kamera. Lieber als über die Politik spricht er über seine frühen Besuchen im Berliner Ensemble und im Schiller Theater, damals in den 60er Jahren, von Spaziergängen am Wannsee und im Grunewald. So wie er die Sprachen gelernt hat in den Städten, in denen er stationiert war, hat er auch anderswo die Wege gelernt wie hier. "Was meinen Sie", sagt er, "in Washington oder Moskau könnte ich auch als Taxifahrer arbeiten."

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