Berlin : „Was sollen Kinder auch zu Hause?“

Wie Berliner Eltern über eine Kitapflicht denken.

Nikoleta Siopi
Nikoleta Siopi

Nach den Ergebnissen der Einschulungsuntersuchung 2012 fordert SPD-Fraktionschef Raed Saleh nun eine Betreuungspflicht für Kinder ab drei Jahren. Die Untersuchung hatte ergeben, dass Kinder mit Migrationshintergrund deutlich bessere Sprachkenntnisse haben, wenn sie länger eine Kita besuchten. Gerade die sprachlichen Fähigkeiten werden als besonders wichtig für die schulische Entwicklung gesehen. Bei vielen stößt die Vorstellung eines Kitazwangs jedoch auf Skepsis. Was Berliner Eltern sagen:

„Ich habe ja selbst gemerkt, dass ich den Kindern nach drei Jahren nicht mehr genüge. Die wollen soziale Kontakte, das ist wahnsinnig wichtig. Mit mir haben die sich nur noch gelangweilt. Deshalb finde ich auch eine gesetzliche Pflicht in Ordnung, es ist ja das Beste für die Kinder.“

Stefanie Wühle, 28, aus Kreuzberg

„Wir haben vor allem Kinder mit Migrationshintergrund, und für die ist die Kita extrem wichtig. Da geht es gar nicht nur um Sprache, sondern vor allem auch um das Sozialverhalten. Die Kinder müssen einfach Erfahrungen außerhalb der Familien machen. Für eine gute Entwicklung müssen die Kinder in so vielen Bereichen gefördert werden, dass das die meisten Familien gar nicht abdecken können. Deshalb bin ich für die Kitapflicht.“

Nikoleta Siopi, 28, aus Neukölln, Erzieherin

„Bei den Familien, die ihre Kinder aus Nachlässigkeit nicht in die Kita schicken, kann der Staat doch auch mit Beratungsangeboten viel machen. Dann kommt das Jugendamt und erklärt den Eltern, warum die Kita wichtig ist und dass es ja auch für die Eltern angenehm ist. Wenn Eltern ihre Kinder aber wirklich bis zum sechsten Lebensjahr selbst erziehen wollten, dann muss der Staat das akzeptieren. Ich schicke meine eigenen Kinder zwar in die Kita, einen Zwang lehne ich aber ab.“

Ayhan Sarigöl, 38, aus Neukölln

„Ich selbst arbeite zum Beispiel zu Zeiten, zu denen gar keine Kita offen hat. Und wenn ich zu Hause bin, müsste ich mein Kind dann weggeben. Außerdem kann man sich die Betreuer doch selten aussuchen. Die können oft gar nicht mehr richtig auf die einzelnen Kinder eingehen, weil es einfach zu viele sind. Bei dem jetzt schon knappen Angebot und angesichts der überfüllten Kitas ist eine Betreuungspflicht jedenfalls falsch.“

Simone, 35, aus Kreuzberg

„Ich bin selbst Lehrer und weiß, wie wichtig es ist, dass die Kinder früh richtiges Deutsch lernen. Die Pflicht, alle Kinder in eine Kita zu schicken, finde ich deshalb richtig. Wenn die Kinder selbst entscheiden könnten, gingen sie doch alle in eine Kita. Was sollen die auch immer zu Hause? Die wollen spielen und lernen und müssen sich in der Gruppe behaupten.“

Musa Özcelik, 41, aus Kreuzberg

Interviews und Fotos: Alexander Haneke. Mehr zum Thema: Leitartikel, Seite 1.

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