Wasser in Berlin : Alles fließt – nur nicht die Spree

Wegen des trockenen Sommers ist der Zustrom an Frischwasser stark gesunken. Was da noch plätschert, stammt oft aus Klärwerken.

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Ein Motorboot fährt abends auf der Spree. Im Hintergrund sind Allianz-Tower und der Fernsehturm zu sehen.
Blaues Wunder. Der Spree fehlt es nicht an Booten, wohl aber an frischem Wasser.Foto: Paul Zinken/picture alliance / dpa

Berlin liegt am Fluss, aber der will kaum noch fließen: Schon seit mehr als einem Jahr hat es in der Region deutlich weniger geregnet als normal, und wegen des trockenheißen Sommers wird der Nachschub für die Stadtspree immer spärlicher. Drastischer gesagt: Viel von dem, was aktuell um die Museumsinsel fließt, ist schon mal durch die Abflüsse und Toilettenspülungen der Berliner gelaufen und anschließend durchs Klärwerk. Ohne die wie ein Korken im Fluss sitzende Mühlendammschleuse wäre die Spree zwischen Müggelsee und Mitte nur noch ein Rinnsal im Schlamm. In der Havel samt Wannsee ist das Mischungsverhältnis aus frischem und bereits genutztem Wasser zwar etwas günstiger. Aber die Frage, ob Berlins Wasservorräte unter solchen Bedingungen auf Dauer gesichert sind, wird dringlicher.

Die Spree bringt 4000 Liter Frischwasser pro Sekunde in die Stadt

Der Wasserhaushalt Berlins lässt sich als Rechenaufgabe betrachten: Von Osten bringt die Spree zurzeit rund vier Kubikmeter, also 4000 Liter, Frischwasser pro Sekunde in die Stadt. An heißen Tagen verdunstet davon etwa einer pro Sekunde, vor allem über dem Müggelsee. Das Wasserwerk Friedrichshagen entnimmt an solchen Tagen fast einen weiteren Kubikmeter pro Sekunde: Das sogenannte Uferfiltrat wird über Brunnen gefördert, sodass dorthin ständig Seewasser nachsickert. Sein Anteil macht beim Friedrichshagener Wasserwerk zwei Drittel der Fördermenge aus; der Rest ist „echtes“ Grundwasser.

Wenn die Spree den Müggelsee Richtung Innenstadt verlässt, führt sie also gerade mal zwei Kubikmeter Wasser pro Sekunde. Ein Dutzend Badewannenfüllungen in einem hundert Meter breiten Fluss. Zum Vergleich: Der Rhein in Köln führt selbst in Trockenperioden die 300-fache Menge.

Wasser kommt auch aus dem Klärwerk Münchehofe

An der Mündung des Flüsschens Erpe in Köpenick bekommt die Stadtspree noch etwa einen Kubikmeter pro Sekunde dazu. Allerdings stammt das Wasser großenteils aus dem Klärwerk Münchehofe. Dort wird das Abwasser zwar ziemlich komplett von organischem Schmutz sowie Phosphor- und Stickstoffverbindungen gereinigt, was die Gefahr des sommerlichen „Umkippens“ verringert. Andere Rückstände der Zivilisation wie Medikamente und Hormone passieren das Klärwerk dagegen ungehindert.

Da der Frischwassermangel der Spree längst bekannt ist, gibt es zwischen Berlin, Brandenburg und dem Braunkohlekonzern Vattenfall (dessen Tagebau-Restlöcher in der Lausitz auch mit Spreewasser geflutet werden) eine Vereinbarung, die einen Zufluss von mindestens acht Kubikmetern pro Sekunde nach Berlin vorsieht. Aber dagegen wird in fast jedem Sommer verstoßen. Sanktionsmöglichkeiten sind laut Senat nicht vorgesehen.

Auf ihrem weiteren Weg in die Berliner City bleibt der Spree nur noch das, was die ebenfalls in Köpenick mündende Dahme ihr von Süden her bringt: Nicht einmal drei Kubikmeter pro Sekunde waren es in den vergangenen Tagen. Und die sind obendrein von mäßiger Qualität, weil im landwirtschaftlich geprägten Einzugsgebiet der Dahme viel Dünger ins Wasser gelangt.

Das macht es anfällig für massenhaftes Algenwachstum. Wenn die Dahme mehr Wasser führt als die Müggelspree, kann sie deren Fließrichtung sogar umkehren. Das trübe Dahme-Wasser fließt dann Richtung Müggelsee. Die Stadtentwicklungsverwaltung bestätigt dieses Phänomen auf Nachfrage nicht, obwohl es bei Experten bekannt ist.

Am westlichen Stadtrand sind die Verhältnisse komplizierter

In den Gewässern am westlichen Stadtrand sind die Verhältnisse komplizierter: Einerseits bringt die Havel aus Norden zusätzliches Frischwasser, zuletzt knapp drei Kubikmeter pro Sekunde. Außerdem wird das Wasser aus dem Klärwerk Schönerlinde besonders aufwendig aufbereitet, was dem mit der Havel verbundenen Tegeler See erkennbar guttut.

Andererseits kommt hier auch das Wasser des Landwehrkanals an, der ebenso wie die innerstädtische Spree massiv unter den „Mischwasserüberläufen“ aus der Kanalisation leidet: Sobald es mal kräftig regnet, rauscht ein Gemisch aus Fäkalien und verdünntem Straßendreck hinein.

Bei Gewittern im Juni und Juli bekam der Landwehrkanal dadurch rund 100 000 Kubikmeter solcher Brühe ab. Massenhaftes Fischsterben war die Folge, obwohl der Senat Nacht für Nacht ein Belüftungsschiff durch den Kanal schickt. Das lindert für mehr als 300 000 Euro im Jahr nur die Symptome.

Die Wasserbetriebe haben das Problem schon einmal durchgespielt

Die Wasserbetriebe haben das Problem trockenheißer Perioden in ihrem „Wasserversorgungskonzept 2040“ gemeinsam mit der Umweltverwaltung schon vor sieben Jahren durchgespielt – damals mit Erfahrungswerten aus dem Jahrhundertsommer 2003. Im Sommer 2015 fließt der Nachschub ebenso spärlich, und die Bevölkerung ist deutlich gewachsen: Die im Szenario für 2040 angenommene Einwohnerzahl von 3,6 Millionen Berlinern ist schon fast erreicht.

Die damalige Studie resümierte, dass die Trinkwasserversorgung der Berliner auch bei wachsender Stadt und weiter voranschreitendem Klimawandel gesichert sei. Nicht, weil irgendwo frischer Nachschub herkäme, sondern allein dank der guten Reinigungsleistung des Berliner Bodens, der das Uferfiltrat auf seinem Weg zu den Brunnen klärt. Jetzt heißt es auf Nachfrage bei den Wasserbetrieben, die grundlegenden Aussagen seien noch aktuell.

Genaueres werde auf Basis der nächsten Bevölkerungsprognose des Senats erarbeitet. Bisher sei der Wasserabsatz – nach jahrelangem Rückgang – kaum wieder angestiegen. Und ein trockenes Jahr könne zwar das Grundwasser auch um mehrere Meter absinken lassen, aber gefährde nicht die Versorgung: Zur natürlichen Reinigung des Sickerwassers komme eine enorme Reserve in Gestalt tief liegender Grundwasserleiter. Ein nasses unterirdisches Kissen. Aber niemand weiß, wie lange sich die wachsende Stadt in Zeiten des Klimawandels darauf ausruhen kann.

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