Berlin : Wasser-Orgel

Lothar Heinke

hört genau hin, wenn der Leierkastenmann die Kurbel dreht Der Berliner liebt Musike! sangen sie früher mal im Radio, und diese ewige Wahrheit gilt, solange man denken kann: Als Kinder sind wir hinter ihm hergerannt, haben dem Musikboxer ’n Jroschen auf das fahrbare Orchestrion gelegt. Dem Honorar folgten im Handumdrehen neue Drehorgeltonkaskaden, und eines Tages erklang gar eine Huldigung an den ganzen Berufsstand mit der Bitte zum Durchhalten gegen die Konkurrenz aus allen Kanälen: „Lieber Leierkastenmann, fang’ noch mal von vorne an. . .“

Jeder soll sehen und hören, dass die Nostalgie fördernden Klänge aus der Orgel auf Rädern in ihrer zeitlosen Schönheit unverbraucht und ewig grün sind, allem musikalischen Modekram zum Trotz. Zum 17. Male trafen sich am Wochenende über hundert Drehorgler aus ganz Europa zum Fest, aber ach, auch zwischen Brandenburger Tor und Alexanderplatz pladderte es so heftig, dass die Organisten das Weite suchten. Gestern waren nur noch etwa vierzig am Start, ihre Standhaftigkeit wurde jedoch durch große Aufmerksamkeit und Gebefreude unzähliger Touristen belohnt. Sie hielten den Aufmarsch für eine nette Geste der Musikstadt Berlin an ihre Gäste – wir haben eben nicht nur Philharmoniker zu bieten. Sondern insgesamt 120 Leierkastenfrauen und -männer. Die Älteste an der Kurbel ist 89, heißt Margot Wolf und orgelte auch gestern noch unverdrossen: Puppchen, du bist mein Augenstern.

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