Berlin : Wasserturm an der Knaackstraße: Wohnen in einem historischen Tortenstück

Ole Töns

Zwanzig Meter über dem Straßenpflaster steht Stadtentwicklungssenator Peter Strieder in einem riesigen trockengelegten Wasserspeicher und spricht Erbauliches ins Mikrofon. "Ich grüße Sie, dritter Bürgermeister von Berlin ..." Die Anspielung auf den jüngsten Kompromissvorschlag "Dritter Bezirk" im wochenlangen Ringen um einen neuen Namen des Fusionsbezirks im Nordosten gestattet dem Senator den Einstieg in Thema, Ort und Anlass der Versammlung. Der beginnende Wiedereinzug der Mieter in den Wasserturm an der Knaackstraße, das viel zitierte Wahrzeichen Prenzlauer Bergs, ist für ihn Gelegenheit, über Identifikation mit Kiez und Stadtteil zu sprechen. Rund vier Millionen Mark aus der Kasse der Senatsverwaltung habe die denkmalgerechte Sanierung des Turmes gekostet. Doch in einer Stadt, in der Hunderttausende Wohnungen leer stehen, sei die Pflege des Umfeldes eben ausschlaggebend für die Beliebtheit eines Wohngebietes.

Dass es hier offenbar eher um eine Investition mit Ausstrahlung als mit unmittelbaren Gewinnaussichten ging, machte auf andere Weise auch der Geschäftsführer der Wohnungsbaugesellschaft Prenzlauer Berg mbH (WIP), Klaus-Dieter Friedland, deutlich. Ob es überhaupt ratsam sei, sich den Turm von der Stadt schenken zu lassen, sei lange überlegt worden. Erst 1994 fiel die Entscheidung. Inzwischen ist die Renovierung der neun Wohnungen abgeschlossen, kehren die Mieter aus ihren Umsetzwohnungen zurück.

Ein Blick in die renovierten Zimmer, mehrere mit tortenstückförmigen Grundrissen, eher rauem Charme und dicken Mauern, lässt ahnen, dass Eigenwilligkeit und symbolische Bedeutung zur Attraktivität der Adresse beitragen. Tatsächlich verknüpfen sich mit dem heute von Restaurants und Kneipen umgebenen "Dicken Hermann" Identität und Geschichte des Bezirks seit seiner Entstehung.

Nach Senatsangaben bereits Mitte des 19. Jahrhunderts in der bis heute prägenden Straßenplanung James Hobrechts vorgesehen, entstand das "Hochreservoir mit Beamtenwohnungen" bis 1847. Schon eine knappe Generation später, 1914, wurde die Wasserversorgungsanlage indes wieder stillgelegt. 1916 entstand als provisorische Kriegseinrichtung eine Küche für die städtische Volksspeisung im ersten Maschinenhaus. 1933 dienten Maschinenhalle und unterirdischer Wasserbehälter als "wildes" Konzentrationslager der SA.

1940 wurde einer der Wasserspeicher zum Luftschutzkeller umfunktioniert, 1946 das gesamte Gelände zum Anbau von Gemüse, Kartoffeln und Tabak parzelliert und verpachtet.

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