Wedding : Junge-Reyer zeigt Abgeordneten Brennpunkt

Stadtentwicklungssenatorin Junge-Reyer wollte Parlamentariern zeigen, wie der Bund Kiezarbeit gefährdet. Nur zwei Abgeordnete des Bundestages kamen in den berüchtigten "Brunnenkiez".

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Senatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) -Foto: Kai-Uwe Heinrich

Um kurz vor elf ist das Stahltor vor der Ernst-Reuter-Oberschule verriegelt. Auf dem Bürgersteig stehen Jugendliche, über Handys gebeugt, die Basecaps ins Gesicht gezogen. „Was wollen Sie denn hier?“, fragt eine Schülerin, und ihre kastanienbraunen Augen funkeln herausfordernd und neugierig. Dass Abgeordnete des Bundestages heute den berüchtigten „Brunnenkiez“ besuchen, überrascht sie nicht: „Wir sind hier die Schlauen – und gehen aufs Gymnasium.“

Das Tor ist während der Unterrichtsstunden verschlossen, wegen der Störer, sagt der Hausmeister. Sonst schauen Jugendliche einfach mal rein, wenn sonst nichts anliegt im Kiez – und das stört jene, die täglich herkommen, um zu lernen. Die sitzen in der Mensa über Bücher und Hefter gebeugt. Sie kümmern sich kaum um den Tross, der durch das Haus geführt wird. Die Senatorin für Stadtentwicklung Ingeborg Junge-Reyer (SPD) hat 41 Mitglieder des Haushaltsauschusses des Bundestages in den Brennpunkt eingeladen. Um deren Blick für die Initiativen zu schärfen, denen der Bund die Gelder streichen will. Zwei kamen.

Dabei ist die Ernst-Reuter-Oberschule ein gutes Panoptikum für Probleme und Chancen von Brennpunkten. Schüler deutscher Herkunft gibt es hier kaum noch. In einer eigens eingerichteten Störer-Klasse kam heraus, dass eine Jugendliche nach acht Jahren Schulbesuch weder lesen noch schreiben kann. Auf der Habenseite steht: Das Geld des Bundes, das auf der Streichliste steht, finanziert solche Förderklassen. Und es finanziert Quartiersmanager, Stadtteilmütter sowie musik- und naturwissenschaftliche Schwerpunkte an Schulen. Das gab auch der zuvor irgendwie mitgeschleppten Schülerin Orientierung. Sie hat nun ein Ziel vor Augen: eine Ausbildung zur Kosmetikerin.

Muss Berlin wirklich auf die Hälfte der rund 30 Millionen Euro verzichten, die der Bund überweist, dann ist auch die Erweiterung der Mensa um ein Café gefährdet, in dem dann Passanten von der nahe gelegenen Mauergedenkstätte einkehren können. Das soll die Schule wieder öffnen. Denn „die Armut hier ist nicht wirklich sichtbar“, sagt Lehrerin Christiane Schweising. Und Ali Bülbül vom Quartiersrat im Viertel ergänzt: „Die sozialen Defizite“ seien das Problem. Ausschluss, Ghettoisierung klingen da mit.

Das deckt sich mit Umfragen unter Migranten, wonach sich viele ausgegrenzt fühlen, obwohl sie Interesse an der „Leitkultur“ haben. Maryam Fayoumi, braunes Kopftuch, dunkler Mantel, sagt: „Sie wollen auf Augenhöhe behandelt werden, und es ist viel Vertrauensarbeit zu leisten“. Die Stadtteilmutter ist selbst Migrantin, aber in Berlin so gut angekommen, dass sie die Frage nach ihrer Herkunft mit feinem Spott beantwortet: „Ich bin seit 32 Jahren hier“, sagt die 32-Jährige.

Und Stadtentwicklungssenatorin Junge-Reyer? So entspannt wie im Kiez sah man sie lange nicht mehr. Angesprochen auf die Berlin-Schelte von Innenminister Thomas de Maizière, der Berlins Probleme mit Migranten auf die gescheiterte „Multikulti-Illusion“ schob, wird sie kämpferisch: „Böswillige Unterstellungen“ nennt sie das, de Maizière „desavouiert die, die zu uns kamen, um uns zu helfen“.

Im Bundesrat war Junge-Reyer erfolgreich: Ihrer Initiative, die Regierung zur Rücknahme der Kürzung aufzufordern, schlossen sich fast alle Länder an. Gekämpft „wie eine Berliner Bärin“, attestiert ihr Bundestagsmitglied Sören Bartol (SPD). Und für die Vorsitzende des Haushaltsausschusses Petra Merkel (SPD) ist der „Druck der Länder und der vielen Bundestagsabgeordneten sogar bei Horst Seehofer angekommen“. Nun kippt sogar in der FDP-Fraktion die Stimmung. Deren Bauexpertin im Bundestag Petra Müller sagte dem Tagesspiegel: „Wir stimmen zurzeit mit der CDU-CSU-Fraktion eine Gegenfinanzierung für einen Teil der Streichungen ab.“ Dann könnte die Städtebauförderung weniger gekürzt werden als geplant.

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