Wedding : Krawall im Kiez: Gegen die Polizei sind alle einig

Erneut ist in Wedding eine Gruppe Schaulustiger auf Beamte losgegangen. Deutsche Ermittler in Uniform gelten in manchen Straßen als Provokation.

Tanja Buntrock

Der Solidarisierungsprozess geschieht in Sekundenschnelle, der Ablauf ist fast immer gleich: Ein Tatverdächtiger wird von der Polizei überprüft, einer seiner Bekannten greift zum Handy. „Und innerhalb kürzester Zeit wächst die Gruppe um ihn herum auf gut und gerne 30 bis 50 Leute an, die die Polizisten beschimpfen oder angreifen“, sagt Polizeihauptmeister Egbert M. Er arbeitet seit mehr als 15 Jahren im Soldiner Kiez. Ein zuweilen lebensgefährlicher Job – im November 2003 war er im Dienst mit einer Eisenstange attackiert worden, die nur knapp seine Halsschlagader verfehlte.

Aus Erfahrung weiß er, dass Einsätze, wie der am Sonntag in der Buttmannstraße in Wedding „nichts Neues“ sind. Wie berichtet, waren dort Beamte einer Einsatzhundertschaft von „Personen mit Migrationshintergrund“ beleidigt, geschlagen und getreten worden, als die Beamten einen mutmaßlichen Handy-Dieb überprüfen wollten. 30 Männer versammelten sich und versuchten, die Festnahme mit Gewalt zu verhindern. Im selben Bezirk eskalierte die Situation Anfang Juli, als rund 70 Schaulustige in der Badstraße Polizisten behinderten, die einen psychisch kranken Mann vor sich selbst schützen wollten. Angefeuert von der zunehmend aggressiveren Menge aus Türken und Deutschen, hatte ein 45-Jähriger versucht, den verwirrten Mann zu befreien.

Egbert M., 51 Jahre, glaubt, dass die Mentalität der dort lebenden Menschen – die meisten sind Migranten – eine Rolle spielt. „Sie fühlen sich angegriffen, wenn die Polizei aus einen gegen ihrer Familie vorgeht“, beschreibt M. Dabei sei der Anlass, weshalb die Beamten einschreiten, erst einmal unbedeutend. Respekt vor der Polizei habe dort kaum noch einer, „und die Leute haben definitiv keine Hemmschwelle mehr“, berichtet der Polizeihauptmeister. Genau das hatte er vor vier Jahren zu spüren bekommen, als ein junger Araber eine 50 Zentimeter lange Eisenstange auf ihn warf, „um die Polizei zu ärgern“, wie er später aussagte. Die Dienststelle hat der Beamte dennoch nicht gewechselt: „Man muss eben damit leben“, sagt er.

Die Polizeigewerkschaft hat im vorigen Jahr insgesamt 3369 Vorfälle gezählt, bei denen Polizisten Gewalt ausgesetzt waren. Was mehr als neun Angriffen pro Tag entspreche. Der Weddinger Zivilpolizist Christian Seidler von der „Operativen Gruppe Jugendgewalt“ (OGJ) vermutet, dass vor allem Polizisten in Uniform „mehr von der Ablehnung der Leute zu spüren bekommen“. Er als Zivilbeamter habe das Gefühl, „besser von den dort lebenden Menschen akzeptiert zu werden“. Zudem betont er, dass es bei Einsätzen mit einer aufgebrachten Menge auch immer ein gewisses „Fingerspitzengefühl“ der Polizei gefragt sei.

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