Weddinger Orte (3): Friedhof am Plötzensee : Hinterm Hexenhaus rechts

Ein einsames Haus am verlassenen Friedhof - klingt gruselig. Was ist übrig vom alten Ruheplatz am Plötzensee? Die Spurensuche führt zu einer überraschenden Entdeckung.

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Hexenhaus im Wald? Das alte Haus des Friedhofswärters am Friedhof Plötzensee in Berlin-Wedding.
Hexenhaus im Wald? Das alte Haus des Friedhofswärters am Friedhof Plötzensee in Berlin-Wedding.Foto: J. Ehrmann

Ein Ort. Ein guter Ort. Ein guter, besonderer Ort, irgendwo hier in der Gegend. Vielleicht irgendwas Düsteres, passend zur Jahreszeit?

Da musst du zum Plötzensee. Zum alten Friedhof. Da gibt es ein einzelnes, verwunschenes Haus. Ganz allein. Mitten im Wald.

Ein Hexenhaus.

Ein einsames Hexenhaus an einem alten Friedhof am See? Klang perfekt.

Der Morgen war so grau und düster wie erhofft. Kalt und feucht lag der Herbst auf der Stadt.

Der alte Friedhof am Plötzensee. Die Fakten sind gut zu googeln: Eröffnung 1888, ab 1970 keine neuen Gräber mehr, die letzten Nutzungsrechte erloschen dann Ende 1995, Entwidmung schließlich im Jahre 2001. Früher der größte landeseigene Friedhof, 162.000 Quadratmeter, heute offizielles Hundeauslaufgebiet, Mülleimer für die Entsorgung der Hundekottüten sind vorhanden, Parken am Ende des Dohnagestells.

Die Dohnas: ein uraltes deutsches Adelsgeschlecht, und das haben sie mitunter wörtlich genommen. Ihr jüngster Abkomme der preußischen Linie, so weiß Wikipedia, ein Alexander Fürst zu Dohna-Schlobitten, hat immerhin fast das gesamt 20. Jahrhundert gepackt, geboren 11.12.1899, gestorben 29.10.1997, zwei Kriege, fünf deutsche Staaten und zig Millionen Menschen überlebt, was für eine Bilanz.

Manchmal scheint das ewige Leben schon vor dem Tod zu kommen.

Aber genug davon.

Viel interessanter als all die Fakten: Was ist von den Toten übrig? Also: Was spürst du noch von ihnen, wenn sie längst nicht mehr da sind?

Ist da noch was?

Und natürlich: Was ist das für ein Haus, da mitten im dunklen Herbstwald? Da kann man ja direkt ein bisschen Schiss bekommen.

Links des Dohnagestells die ersten Ausläufer des alten Friedhofs: ein Steintor mit zwei Kreuzen. Sonst: Eichen und Birken. Blätterrascheln und Hundekläffen. Graubraune Natur. Einer dieser Tage, an denen es überhaupt nicht richtig hell wird.

Am Straßenrand ein alter Renault 19, ausländisches Kennzeichen, Ersatzrad auf dem Rücksitz, braune Blätter auf der schmutzigen Windschutzscheibe. Selbst die Autos kamen also zum Sterben in den Wald.

Und dann war erst mal alles so, wie es oft ist, wenn man zu viel von einer Sache erwartet.

Das Hexenhaus stand direkt am Parkplatz. Es war kein bisschen gruselig.

Vielleicht lag es an dem Pappschild vorne am Zaun. Eine Zeichnung mit Filzstift, ein krakeliges Haus in 3D, ein nach rechts um das Haus gebogener Pfeil und schließlich ein Kreis mit „Nr. 4“ drin.

Also, lieber Briefträger, Klingel hinterm Hexenhaus rechts.

Ansonsten war das ein rechtschaffen zugewachsenes und vollgemostes altes Backsteinhaus, in dem ganz offensichtlich eher keine Hexe, sondern eine Familie wohnte. Kinderschaukel im Garten. Fußballtor im Hof. In einem hinteren Zimmer brannte sogar Licht.

Nun gut. Also dann mal rauf auf den Friedhof. Schmale Trampelpfade in verschiedene Richtungen. Laub überall. Reste alter Friedhofsbrunnen. Unter Blutbuchen ein altes Steinkreuz mit einem Spruch aus dem Johannes-Evangelium.

Eine Frau rief nach ihrem Hund.

Kriegsdenkmal am alten Friedhof Plötzensee
Kriegsdenkmal am alten Friedhof PlötzenseeFoto: J. Ehrmann

Nur ein paar Meter weiter ging es runter zum Plötzensee.

Reglose Oberfläche. Still und dunkel wartete der See auf den Winter, der hier schon näher schien als anderswo, Betreten der Eisfläche verboten, Lebensgefahr!

Gräber waren keine zu sehen. Nur das alte Kriegerdenkmal aus den 20er Jahren, Steinrelief, Mutter mit verwundetem Sohn. Davor umgegrabene Erde, relativ frisch. Wenn hier mal Gräber oder Gedenkplatten gelegen hatten, dann waren sie vor einer Weile ausgebuddelt worden. An zwei Stellen hatten sich Hundekrallen einige Zentimeter in die frische Erde gewühlt.

Wonach habt ihr gesucht, Freunde? Nach den alten Seelen?

Ansonsten vor allem: die Stille.

Erstaunliche Stille, dafür, dass die Startrampen von Tegel keinen Kilometer weg sein mussten und die Autobahn in die andere Richtung auch nicht weiter. Aber es war absolut nichts Störendes zu hören, außer dem Wind, der durch die welken Blätter ging und dem Tapsen der Hunde und den Schritten ihrer Besitzer, die hin und wieder vorbeikamen, Hände in den Taschen, Leinen um den Hals.

Ein echter Ruheplatz, noch immer.

Und dann, schon auf dem Weg zurück zum Parkplatz: ein Funkeln, knapp über dem Boden, unter einem verwucherten Nadelbaum. Gut versteckt. Nur im Entengang kommst du überhaupt unter den Zweigen durch, kannst die Inschrift lesen.

Ein Grabmal aus dunklem Stein.

Ruhestätte Familie Lesche
Hier ruht in Gott
Unser unvergessliches
Einziges Töchterlein
Gertrud
* 5.11.1895, † 25.10.1901

Und auf dem Heimweg denkst du an die Instinkte von Hunden und an verschwundene Gräber, an den uralten Dohna-Fürsten, geboren kurz vor Jahresende 1899, und an die kleine Gertrud Lesche aus Berlin-Wedding, die von diesem neuen, elektrisierenden, viel zu schnellen und irren und bösen Jahrhundert keine zwei Jahre mehr erlebt hat.

Ob sie sich mal gesehen haben?

Serie "Weddinger Orte": Teil 1: Nettelbeckplatz // Teil 2: Nordufer. Wenn Sie auch einen schönen, skurrilen oder besonderen Weddinger Ort kennen - schreiben Sie uns: wedding@tagesspiegel.de .

Dieser Artikel erscheint im Wedding-Blog des Tagesspiegel.

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