Berlin : „Weder Ablösung noch Ruhe“

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„27. April. In der Nacht anhaltende Angriffe. Russen versuchen Durchbruch zur Leipziger Straße. PrinzAlbrecht-Straße wird zurückgenommen. Ebenso die Köthener Straße. Zunehmende Auflösungserscheinungen und Verzweiflung. Aber es hat keinen Sinn. Man darf nicht im letzten Augenblick kapitulieren und hinterher ein Leben lang bereuen, nicht durchgehalten zu haben. (…) Die körperliche Verfassung ist unbeschreiblich. Weder Ablösung noch Ruhe. Keine regelmäßige Verpflegung. Kaum noch Brot. Nervenzusammenbrüche unter dem dauernden Artilleriefeuer. (…) Der Potsdamer Platz ist ein Trümmerfeld. (…) Tote überall. Zum großen Teil von Panzern und Lastwagen überfahren und gräßlich verstümmelt.“

(Aus dem Tagebuch eines Panzeroffiziers, nach „Der Kampf um Berlin 1945 in Augenzeugenberichten“, Hrsg. Peter Gosztony, Karl Rauch Verlag 1970)

Tagebuch eines Schneiders: „Freitag, der 27. April 1945. Eine tolle Nacht liegt hinter uns. (…) Kurz vor dem Hermannplatz standen drei zerschossene und ausgebrannte russische Panzer. Zivilisten mit weißen Armbinden tauchten auf und hie und da baumelten aus Fenstern und Balkonen weiße Fahnen. (…) Nachmittags erschienen drei sehr saubere, russische Offiziere auf unserem Hof. Unsere gepeinigten Frauen legten bei denen Beschwerde ein und baten um Schutz vor weiteren Belästigungen. In tadellosem Deutsch wiesen die Herren auf die Unmöglichkeit der Durchführung solchen Begehrens hin und erklärten dann noch, daß unsere Soldaten es in Rußland noch ärger getrieben hätten.“

(Aus dem Tagebuch von Hugo B., veröffentlicht in „Sehr selten habe ich geweint. Briefe und Tagebücher aus dem Zweiten Weltkrieg von Menschen aus Berlin“, Hrsg. Ingrid Hammer und Susanne zur Nieden, Schweizer Verlagshaus 1992)

Bericht einer Amerikanerin: „27. April 1945. Ich gehöre zu den ersten drei Amerikanern, die Berlin betreten haben. Nachdem wir die Elbe überquert hatten, wo sich Russen und Amerikaner heute nachmittag begegnet waren, kam ich heute abend, nach abenteuerlicher Fahrt, bei Dunkelheit, in Berlin an (…). Dichter Rauch liegt in der Luft. Überall ist das Knattern leichter Waffen zu hören. Die russische Artillerie belegt die Stadt mit fast ununterbrochenem Sperrfeuer. Doch in diesem russischen Befehlsstand, wo wir die Gäste von Major Nikolai Kowalowski sind, ist eine grandiose Feier im Gang. Die Ankunft von drei Amerikanern in Berlin war Anlaß für die Russen, ihren besten Wodka heranzuschaffen und ein überwältigendes Festessen zu unseren Ehren zu veranstalten.“

(Bericht der Journalistin Virginia Irwin, aus „Reisen ins Reich 1933-1945. Ausländische Autoren berichten aus Deutschland“, Eichborn 2004)

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