Berlin : Weder zu protzig, noch zu lässig

Elisabeth Binder

Ganz oft fragen mich Freunde, ob ich mal wieder ein schönes, neues Restaurant entdeckt habe, eines, das sie ausprobieren können, bevor es in der Zeitung steht. Wenn ich dann von unseren aufopferungsvollen Streifzügen durch die neuen In-Bezirke erzähle, ernte ich bei meinen Dahlemer Bekannten bestenfalls ein höflich leeres Nicken, schlimmstenfalls den Trübe-Tasse-Blick. Im Grunde weiß ich ja, was sie sich unter einem neuen Restaurant vorstellen. Sowas wie das Brunello. Erstens liegt es auf bestem Charlottenburger Trampelpfad in der Knesebeckstraße. Zweitens ist es italienisch, was inzwischen so eine Art Synonym für typische Berliner Küche ist, und drittens ist es behaglich eingerichtet.

Rot-weiße Pepita-Tischtücher, darüber vanillefarbiger Stoff. Außer den geselligen Mitteltischen existieren auch noch ein paar sehr schöne Nischen für Jungverliebte. Das alles wirkt gediegen, aber nicht aufgedonnert, und die Speisekarte enthält viel Vertrautes. Zudem sind die Kellner professionell und herzlich.

Bei einem Restaurant, das meine Dahlemer Freunde als guten Tip akzeptieren, steht das Urteil meines Blankeneser Begleiters in der Regel schon nach fünf Minuten fest: "Die schaffen es." Das Vorspeisenbüffet sah danach aus. Es ist in einem alten Fischerboot untergebracht, riesig groß und sehr gepflegt, jedenfalls weitete es, wenn nicht den Magen, so doch die Augen.

Man kann überhaupt nur eine Auswahl probieren, zum Beispiel den marinierten Lachs mit rotem Pfeffer, die süß eingelegten Zwiebeln, den frischen Meeresfrüchtesalat mit Sellerie, Garnelen und Sepia, die Austernpilze, die dicken weißen, mit roten Zwiebeln gemischten Bohnen, die getrockneten Tomaten mit Kapern, den dunkelrot inszenierten Tintenfisch - das alles für äußerst faire 16,50 DM. Dass konservative Bequemlichkeit nicht immer belohnt wird, zeigte sich an der Vorspeise meines Begleiters, der Parmaschinken war zwar okay, aber die Melone noch nicht reif genug (19,50 DM). Dazu gab es frisches Baguette.

Der Chardonnay aus dem Veneto hatte einen dieser billigen Presskorken, der dem Kellner fast die Hand brach bei dem Versuch, ihn zu lockern. Er schmeckte auch nicht besonders, also besannen wir uns des Namens, den das Restaurant trägt, und wandten uns einem 94er Brunello di Montalcino, Castel Giocondo von den Marquesi di Frescobaldi, zu, eine wahre Liebkosung für den Gaumen, nicht nur nach dem Chardonnay-Flop (115 DM). Der Kellner vergaß seine malträtierte Hand und dekantierte und servierte den Wein nun mit entsprechender Grandezza.

Die mit Thunfisch und Thymian gefüllten Tintenfische müssen wohl eine italienische Antwort auf Rouladen sein, mir schmecken sie besser, obwohl die Portion am Ende ein wenig umfangreich war; dazu gab es sehr würzige kleine Kartoffelhälften und vorweg einen Salat mit Karotten, Gurken und Tomaten (27 DM). Auch die Garnelen in Weißweinsauce mit frischen Tomaten waren liebevoll und vor allem nicht zu säuerlich angerichtet und schmeckten, wie so etwas schmecken sollte.

Zum Abschluss teilten wir uns ein Semifreddo, das hübsch angerichtet war, aber noch übertroffen wurde durch den folgenden Grappa di Brunello. Wir verabschiedeten uns aus einem Lokal für alle Lebenslagen. Neben den etwas ausgefalleneren Spezialitäten stehen auch verschiedene Pizza- und Pasta-Kreationen auf der Karte. Wäre dieses Restaurant ein Kleid auf einer exklusiven Modenschau, würde man es "sehr tragbar" nennen.

Das scheint mir eines der Geheimnisse des gastronomischen Erfolges zu sein. Die Leute, besonders die etwas wohlhabenderen und arrivierteren, die ein Wirt gern zu Gast hat, wollen im Grunde immer das Gleiche, leicht variiert. Wer viel im Kopf hat, möchte sanft abgefederte Ausgeh-Abenteuer und auf dem Teller maßvolle Überraschungen.

Man kommt ja immer mal in die Situation, eine neue Liebe ausführen zu müssen oder einen interessanten Geschäftspartner, dessen Lebensstil man nicht kennt. Das Lokal soll dann nicht zu protzig wirken, aber auch nicht zu lässig, und man möchte nichts falsch machen. Wer von solchen Sorgen geschüttelt wird, wäre hier wahrscheinlich gerade richtig. Nur das Reservieren sollte man nicht vergessen.Brunello, Knesebeckstr. 18, Charlottenburg, Telefon 312 9381, geöffnet täglich ab 18 Uhr. Alle Kreditkarten

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