Berlin : Weg vom Klischee

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Foto: Thilo Rückeis
Foto: Thilo Rückeis

So braun gebrannt, in kurzer Hose und Flipflops sieht Murat Topal ziemlich nach heimischer Terrasse aus. Die liegt auch nur ein paar Minuten Fußweg entfernt. Der Comedian wohnt mit seiner Familie gleich um die Ecke vom Britzer Garten. „Kannste nich meckern, kostet nur 20 Euro“, sagt er und nestelt an der Kasse seine Jahreskarte hervor. Der weitläufige Park mit seinen verwachsenen Winkeln, den Blumenrabatten, dem blau schimmernden See und den pieksauberen Liegewiesen, die aussehen wie mit der Nagelschere gestutzt, ist sein Lieblingsplatz. Da könne er seine beiden kleinen Kinder ohne Angst vor Hundehaufen laufen lassen und seine Jogging-Runden drehen, sagt er. Im beschaulichen Britz ist der 1975 geborene, deutschtürkische Junge aus Nordneukölln 2006 als Nachzügler seiner Eltern gelandet, die eine ehemalige Laube zum Wohnhäuschen umbauten. Keine ganz untypische Entwicklung, sagt Topal, der durch Comedyprogramme und sein drittes Buch „Neukölln. Endlich die Wahrheit von A-Z“ neulich endgültig vom Geburts- zum Berufsneuköllner geworden ist. „Hier gibt’s viele türkischstämmige Häuslebauer, was übrigens längst nicht allen alteingesessenen Nachbarn schmeckt“, sagt Topal. In seiner alten Gegend, dem Reuterkiez, tauchten dagegen wieder mehr Schmidts und Krauses auf den Klingelschildern auf. Dass Nordneukölln bei Studenten, Künstlern und jungen Familien neuerdings angesagt ist, gefällt ihm. Das tue dem Bezirk gut. „Vielleicht bekommt meine Heimat, die Sanderstraße, so ihren alten Charme zurück.“

Wenn man den Ex-Polizisten, der die Uniform 2007 an den Nagel gehängt hat und wegen seines Engagements für Integration und gegen Gewalt an Schulen auch als Comedian gerne mal zum Gewaltpräventionsgipfel beim Innenminister eingeladen wird, über sein Neukölln reden hört, wird einem sowieso ganz anders. Topal ist nämlich froh, im sogenannten Problembezirk aufgewachsen zu sein. „Mir hat hier nie was gefehlt“, sagt er. Im Gegenteil. Das wirklich wahre Leben auf Neuköllns Straßen, wo er nahe dem Hermannplatz auf die Theodor-Storm-Grundschule und später auf das Ernst-Abbe-Gymnasium ging, habe ihm „eine gewisse Entspanntheit“ und „gute Menschenkenntnis“ beschert.

Dass er später als Polizist in der Hasenheide Streifendienst gegen Drogendealer schob oder beim Einsatz am 1.Mai unter den Augen seiner auf dem Fenster hängenden Eltern in der Sanderstraße Barrikadenbau verhinderte, hat an dieser Sicht nichts geändert. „Drogenkriminalität, Radikalisierung und Gewaltdelikte lassen sich nicht auf Neukölln begrenzen, die ziehen sich durch Deutschland von Flensburg bis zum Bodensee.“

Seine Kinder auf die Schulen zu schicken, wo er sich in den Achtzigern wohl fühlte, kann sich Murat Topal dann aber doch nicht vorstellen. Das sei ja hier in Britz auch nicht der Einzugsbereich, sagt er erleichtert. Und auch die Hasenheide, wo er im Winter rodelte und im Sommer auf dem Spielplatz tobte, sei für seine Kleinen tabu. „Wäre schön, wenn es gelingt, den Volkspark endlich wieder familientauglich zu machen.“ Ein Rezept dafür hat er nicht.

Viele Probleme seien aber auch selbst gemacht, sagt Topal. Die Bildungspolitiker des Bezirks hätten es gar nicht erst zum Eklat an der Rütli-Schule kommen lassen dürfen, findet er. Der Niedergang der Schulen sei doch eine jahrelange Entwicklung gewesen. Außerdem ist es ihm ein Rätsel, wie es zu den vielen Wettcafés und Spielotheken am Kottbusser Damm kommen kann. Über die Buden kann er sich so richtig aufregen. Und trotzdem: „Die Zentralverriegelung muss keiner drücken, wenn er im Auto nach Neukölln fährt.“ Das ist auch die Botschaft seines Buchs, das den historischen und kulturellen Reichtum des Bezirks darstellt. Plumps, da fällt Murat Topal ein beim Parkspaziergang aufgelesener Stein aus der Hand. Er hebt ihn schleunigst auf, kein Steinchen darf den Britzer Garten trüben. Gunda Bartels

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