Berlin : Weg weisen statt verweisen

Für Berlins schlimmste Schüler soll es Spezialschulen geben. Das reicht nicht, sagen Kritiker. Pro & Contra

Susanne Vieth-Entus

Berlin weiß nicht, wohin mit seinen schwierigsten Schülern. Jahrelang haben sich viele Kollegien nicht anders zu helfen gewusst, als sie aus ihrer Schule zu werfen und sie durch diesen „Verweis“ zur Vernunft zu bringen. Inzwischen mehren sich aber die Fälle, in denen genau dies zur Katastrophe führt: So genannte Wanderpokale wie der Zehlendorfer Mörder Ken M. und der Amokläufer vom Hauptbahnhof liefen völlig aus dem Ruder, weil sie immer nur abgeschoben wurden anstatt eine intensive Zuwendung zu erhalten. Das soll jetzt anders werden. Aber wie?

Bildungssenator Klaus Böger (SPD) hat der aktuellen Diskussion die Richtung gegeben: Er lässt prüfen, ob man die schwer erziehbaren Schüler an speziellen Sonderschulen zusammenfassen kann. Er hat nicht alle rund 2300 Kinder und Jugendlichen im Sinn, die im Fachjargon als „emotional-sozial gestört“ bezeichnet werden, sondern nur die schwierigsten rund 200 Fälle. Die Betreffenden machen meist schon den Grundschullehrern das Leben schwer und landen dann zum größten Teil nach Jahren des Scheiterns an den Hauptschulen. Beifall bekommt Böger nun zwar dafür, dass er die allgemein bildenden Schulen von diesen Problemfällen befreien will. Allerdings gibt es viel Kritik an der Idee, sie an wenigen Standorten zusammenzuführen. „Es ist richtig, die Schüler aus den Regelschulen herauszunehmen, aber man darf sie nicht an Sonderschulen konzentrieren“, meint etwa die CDU-Schulpolitikerin Katrin Schultze-Berndt. Sie hielte es für richtiger, die Problemschüler in kleine betreute Wohngruppen zu bringen, in denen sie auch unterrichtet werden können. Das sei zwar teuer, aber immer noch billiger „als nachher Sozialhilfe oder gar das Gefängnis zu bezahlen“. Mieke Senftleben von der FDP kann sich zwar vorstellen, die Schüler „eine bestimmte Zeit gesondert zu unterrichten“. Das müsse man aber nach kurzer Zeit auswerten. Vor allem dürften nicht „ zu viele schwierige Schüler auf einmal“ zusammengebracht werden. „Wir warnen davor, sie zu bündeln“, sagt auch Uwe Duske, Leiter der angesehenen Nikolaus-August-Otto- Hauptschule. Seine Schule ist dazu übergegangen, für unbeschulbare Kinder eine Betreuung in Heimen in Westdeutschland zu organisieren. Diese Schüler müssten unbedingt weg von ihrer gewohnten Umgebung, weg von den „schlechten Gewohnheiten“. Um die Finanzierung kümmert sich Duske beim Jugendamt. Auf keinen Fall begnügt sich die Nikolaus-August-Otto-Schule damit, die Fälle, an denen sie gescheitert ist, an andere Schulen zu verweisen: „Wenn wir es nicht schaffen, schafft es auch keine andere Schule“, sagt Duske selbstbewusst. Allerdings hat Duskes Konzept zwei Haken: Zum einen müssen die Eltern mitziehen; zum anderen ist es teurer als die Unterbringung in Sonderschulen, in denen die Schüler nur unterrichtet, aber nicht rund um die Uhr betreut werden müssen.

Angesichts der Einsparungen bei der Jugendhilfe in den Bezirken dürfte es auch nicht so einfach sein, für eine wachsende Zahl von Kindern die Intensivbetreuung in Heimen zu bezahlen. Um – als ersten Schritt – wenigstens zu verhindern, dass Schüler weiterhin mehrfach von Schule zu Schule verwiesen werden, erwägt die Schulbehörde nach Tagesspiegel-Informationen jetzt, eine Meldepflicht einzuführen: Demnach müssten Schulen davon Kenntnis geben, wenn sie einen Schüler, der bereits zu ihnen per Verweis gekommen ist, nochmals verweisen wollen.

Die Bildungsverwaltung will offenbar dafür sorgen, dass auf diese Fälle mehr geachtet und sorgfältiger nach einer passenden Schule gesucht wird. Bisher kommt es vor, dass Schulleiter ihre Problemfälle einfach tauschen, weil ihnen die Schulräte nicht weiterhelfen.

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