Wegen Sanierungsarbeiten fünf Jahre geschlossen : Abschied vom Pergamonaltar

Am Sonntag war der Pergamonaltar noch einmal zu besichtigen, nun wird saniert. Fünf Jahre sollen das dauern. Das Pergamonmuseum ist aber weiter geöffnet.

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Ein letztes Mal. Am Sonntag war der gigantische Altar im Pergamonmuseum vorerst zum letzten Mal zu sehen. Nun wird er fünf Jahre lang renoviert. Das lockte selbst bei schönem Wetter und Berlin-Marathon zahlreiche Besucher auf die Museumsinsel. Wie es am Sonntag zuging, sehen Sie in unserer Bildergalerie.Weitere Bilder anzeigen
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28.09.2014 15:33Ein letztes Mal. Am Sonntag war der gigantische Altar im Pergamonmuseum vorerst zum letzten Mal zu sehen. Nun wird er fünf Jahre...

In der Warteschlange frozzelt es sich besonders gut. „Fünf Jahre, das glaubt doch kein Mensch“, brummt ein älterer Herr. Das Pärchen vor ihm macht sofort mit: „Fünf Jahre voraussichtlich“, sagt der junge Mann grinsend. „Man weeß ja, was det in Berlin bedeutet.“

Mike Briggs aus Texas guckt verständnislos, wird aber sogleich von den Berlinern vor ihm darüber aufgeklärt, dass sie an diesem herrlich sonnigen Sonntag – beileibe kein Museumswetter – alle nur hier anstehen, weil der prächtigste Teil des Pergamonmuseums, der Saal mit dem Pergamonaltar, saniert werden muss und heute zum vorerst letzten Mal betreten werden darf. Und dass die Sanierung fünf Jahre dauern solle, aber man bei Bauprojekten in Berlin ja nie wisse.

Manche befürchten, es könnte 20 Jahre dauern

Mike Briggs nickt verständnisvoll. Dass der Berliner Flughafen nicht fertig wird, hat sich auch schon in Texas herumgesprochen. Aber das mit dem Pergamonaltar nicht. „Darling, wir haben ja solches Glück“, sagt er zu seiner Frau. „Die Leute hier meinen, es könne sogar zehn oder zwanzig Jahre dauern.“

Aber selbst fünf Jahre sind eine lange Zeit. Das finden auch Dorothee Risse und Andreas Bohmann aus Pankow. „Unsere fünfjährige Tochter wird dann zehn sein“, sagt Dorothee Risse. „Und unser elfjähriger Sohn schon sechzehn. Wer weiß, ob er dann noch mit uns ins Museum geht.“ Jetzt ist Tobias jedenfalls Feuer und Flamme: „Wir haben gerade die alten Griechen in Geschichte“, sagt er. Setzt sich die Kopfhörer auf und kann es kaum erwarten, endlich zum Ischtar-Tor zu gehen.

Umbau des Pergamonmuseums in Berlin
Ein letztes Mal. Am Sonntag war der gigantische Altar im Pergamonmuseum vorerst zum letzten Mal zu sehen. Nun wird er fünf Jahre lang renoviert. Das lockte selbst bei schönem Wetter und Berlin-Marathon zahlreiche Besucher auf die Museumsinsel. Wie es am Sonntag zuging, sehen Sie in unserer Bildergalerie.Weitere Bilder anzeigen
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28.09.2014 15:33Ein letztes Mal. Am Sonntag war der gigantische Altar im Pergamonmuseum vorerst zum letzten Mal zu sehen. Nun wird er fünf Jahre...

Auch für Renate Schenck aus Teltow sind fünf Jahre eine unkalkulierbare Größe. „Nach zwei Knie-Operationen habe ich jetzt schon Probleme, durch das ganze Museum zu kommen“, sagt die 75-Jährige. „In fünf Jahren bin ich 80, wer weiß, ob es dann noch geht.“

Länger als zwei Stunden muss keiner warten

Weder die Familie Risse/Bohmann noch Renate Schenk haben an diesem Sonntag anstehen müssen. Sie hatten im Internet ein sogenanntes Zeitfenster gebucht und konnten an der Schlange vorbei, in der vor allem viele Ausländer stehen: Ungarn, Japaner, Franzosen, Amerikaner, eine kleine Reisegruppe aus Taiwan mit dicken Mützen und langen Mänteln. Länger als zwei Stunden muss an diesem letzten Tag vor Schließung des Saals mit dem Pergamonaltar niemand warten.

Hör mal. Viele Touristen und Berliner erleben Kunst und Historie gern per Führung mit einem Audioguide.
Hör mal. Viele Touristen und Berliner erleben Kunst und Historie gern per Führung mit einem Audioguide.Foto: dpa

„Es sind heute weniger Besucher da als in den vergangenen Wochen“, sagt Sigbert Georgi, der die Internet-Bucher neben der Warteschlange einlässt. „Das könnte auch am Marathon liegen. Dadurch kommen Reisebusse nicht durch.“

Kleiner Mensch andächtig vor den Göttern

Auch drinnen, vor dem Altar, ist es nicht so voll. Viele nehmen sich heute mehr Zeit für das Herzstück des Pergamonmuseums, lassen sich lange auf der großen Treppe nieder. Ein Mann sitzt seit fast einer halben Stunde mitten im Saal auf dem Fußboden. Regungslos. Ein kleiner Mensch, andächtig in den Kampf der Götter mit den Titanen vertieft. Nur ein wenig gibt der Mann von sich preis: Ja, er sei hier, weil es für lange Zeit das letzte Mal sein wird – auch wenn er vom Fach ist. „Die werden wegen des zu erwartenden Staubs alles zuhängen“, sagt er. „Alle diese wunderbaren Skulpturen, einmalig in Deutschland und in Europa, hellenistisch, aber nicht klassisch hellenistisch – ach...“

Nicht wenige Besucher fragen sich und das Personal, warum die Sanierungsarbeiten so lange dauern werden? Sechs Monate, ja. Aber fünf Jahre? „Aber notwendig ist die Sanierung“, sagt Jürgen Hruby aus Kreuzberg. Er war oft hier in den vergangenen Jahren, auch wenn der Eintritt viel teurer sei als früher in der DDR, wie der in Mitte aufgewachsene Elektriker erzählt. „Da sind wir für zwei, drei DDR-Mark reingekommen, jetzt kostet es dreimal so viel.“

Altar mit besonderer Bedeutung

Für manche Menschen hat der Saal eine besondere Bedeutung. Die 1937 geborene Violetta Roncoroni beispielsweise sitzt still auf einer Bank. Sie ist ganz in der Nähe, quasi gegenüber der Museumsinsel, aufgewachsen, aber dann ist ihr Vater nach Dahlem gezogen, um in den amerikanischen Sektor zu kommen. Erst als sie ihren italienischen Mann geheiratet hatte, durfte sie wieder nach Ostberlin und ist immer in die Museen gegangen, besonders gern zum Pergamonaltar.

Später hat sie ihre Tochter und ihren Schwiegersohn hierher ins Museum geführt. Der Schwiegersohn sitzt an diesem letzten Tag vor der Sanierung nun neben ihr. Leider habe seine Ehe mit ihrer Tochter nicht gehalten, sagt sie. Und lächelt ihm zu. Er lächelt zurück und beide schauen noch einmal einträchtig auf die mehr als zweitausend Jahre alten Skulpturen. Was ist das alles im Angesicht der Ewigkeit?

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