Wegen Sarrazin : Türken von SPD enttäuscht

Als Finanzsenator genoss er wegen seiner direkten Art noch bei vielen Einwanderern Ansehen – doch seit seinen harschen Äußerungen gegen die türkisch- und arabischstämmige Bevölkerung in Berlin“ löst Thilo Sarrazin hier regelrechte Empörungswellen aus.

Ferda Ataman
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"Radikal bis zum Tabubruch". Das Schiedsgericht verwarnte Sarrazin, doch rassistisch fanden die SPD-Juristen dessen Äußerungen...Foto: dpa

Als Finanzsenator genoss er wegen seiner direkten Art noch bei vielen Einwanderern Ansehen – doch seit seinen harschen Äußerungen gegen die türkisch- und arabischstämmige Bevölkerung in Berlin“ löst Thilo Sarrazin hier regelrechte Empörungswellen aus. Mehr noch: Die Diskussion um das Vorstandsmitglied der Bundesbank führt dazu, dass die traditionell der SPD zugewandten Türken sich zunehmend von den Sozialdemokraten distanzieren. „Türken-Gegner Sarrazin darf in der SPD bleiben“, titelte die Hürriyet nach der Entscheidung der Landesschiedskommission Anfang der Woche, den Parteiquerulanten nicht auszuschließen. „Sarrazin wird von sozialdemokratischem Schirm geschützt“, schrieb die türkische Internetzeitung „Dünya Bülteni“.

Im Internetblog der Berliner SPD fordern zahlreiche Mitglieder, dass ihre Partei sich klar von Sarrazin distanziert. „Er ist eine Schande für SPD“, schreibt Nihat Kemaloglu. „Sarrazin erreicht, dass Türken-Hass auch in der SPD salonfähig geworden ist“, empört sich Selcuk Aydin. „Es ist wichtig, ein Zeichen zu setzen“ und ihn „ein für allemal aus unserer Mitte hinauszukatapultieren“, meint Canan Kesebir.

„Diskussionen wie die um Sarrazin beeinflussen die Haltung von türkischstämmigen Wählern natürlich“, sagt Umut Karakas, Medienforscherin beim Berliner Institut „Data4U“, das 2009 das Wahlverhalten von Deutschtürken ermittelt hat. Damals lag die SPD mit 55 Prozent in der repräsentativen Umfrage an der Spitze. Dass die Berliner CDU, die neuerdings mit Integrationsthemen punkten will, bei Migranten von dem Ärger über die SPD profitiert, glaubt Karakas nicht. „Das Vertrauen in die Unionsparteien ist nach wie vor durch jahrelange Antiausländerkampagnen geschwächt.“ Vor allem die zweite Generation habe eine differenzierte Sicht auf politische Themen und sei mit platten Botschaften nicht zu gewinnen.

„Sarrazin ist nicht allein das Problem der SPD“, sagt SPD-Abgeordnete Bilkay Öney. „Es ist für alle ein Problem, wenn die Mehrheit der deutschen Bevölkerung laut Umfragen Sarrazins Rechtsaußen-Standpunkten recht gibt.“ Safter Cinar vom Türkischen Bund Berlin ist dennoch von der Partei selbst enttäuscht: „Die Entscheidung der Schiedskommission war fast eine Reinwaschung des Mannes“, sagt Cinar. Er hoffe, „die türkischstämmigen Wähler werden sich das merken“. Sein Verband prüft weitere Schritte, um erneut Anzeige gegen Sarrazin wegen fremdenfeindlicher Äußerungen zu erstatten. Ferda Ataman

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