Berlin : Wegweiser zu Käthe, Karl und Rosa

Der Zentralfriedhof Friedrichsfelde ist bevorzugte Ruhestätte der Sozialisten Jetzt wurde er restauriert und erhielt eine Ausstellung zu seiner Geschichte

Holger Hübner

Der ausgedehnte Zentralfriedhof in Friedrichsfelde, den es seit 1881 gibt, ist den meisten Berlinern höchstens bekannt als Ort der Liebknecht-Luxemburg-Demonstration, die alljährlich Mitte Januar stattfindet. Das heute freiwillige Gedenken war in der DDR ein staatlich verordnetes Ritual, eine ideologische Inszenierung der Totenehrung. Man wird dem Friedhof aber nicht gerecht, wenn man die Erinnerung darauf reduziert.

Seit August 1900, als Wilhelm Liebknecht, Mitbegründer der SPD, dort beigesetzt wurde, entwickelte sich der Zentralfriedhof zur bevorzugten Ruhestätte für Sozialdemokraten – zum Sozialistenfriedhof. Wer sich für dessen Geschichte interessiert, dem bietet er ein weites Feld. In der Gedenkstätte der Sozialisten finden sich nicht nur Grabmale führender Repräsentanten der DDR. Dort liegen auch die Gräber des zweimaligen Reichskanzlers der Weimarer Republik, Hermann Müller-Franken (75. Todestag am 20. März) und der beiden Vorsitzenden des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbunds, Carl Legien und Theodor Leipart. Durch den Generalstreik, den Legien ausrief, brach im März 1920 der „Kapp-Putsch“ gegen die erste deutsche Demokratie zusammen. Es ruht dort auch Hermann Molkenbuhr, der 1902 den ersten Entwurf für eine staatliche Arbeitslosenversicherung in den Reichstag einbrachte.

Auf das Grab des ehemaligen SPD-Vorsitzenden Paul Singer weist ein schlanker schwarzer Obelisk hin, Werk des Berliner Stadtbaurats Ludwig Hoffmann. Ab 1919 bekam die KPD, allerdings in der hintersten Friedhofsecke, einen eigenen Gedenkort – mit der Beisetzung Karl Liebknechts und weiterer Opfer der blutigen Januarkämpfe (der Leichnam der ermordeten Rosa Luxemburg wurde erst später gefunden). 1926 schuf Ludwig Mies van der Rohe dort mit seinem Revolutionsdenkmal ein ungewöhnliches Werk der Gedenkkultur.

Mit Hilfe der Lottostiftung hat der Förderkreis der Erinnerungsstätte Arbeiten zur Sanierung und Restaurierung veranlasst. Es wurden ein Wegeleitsystem und im vorderen Bereich des Friedhofs eine Ausstellung eingerichtet. Beides wird an diesem Mittwoch offiziell eröffnet. Interessierte Besucher bekommen erstmals Informationen über den Friedhof, die Gedenkstätte der Sozialisten und die dort ruhenden Toten. Ein Rundgang führt zu 16 ausgewählten Orten, ein Faltblatt hilft bei der Orientierung. Der Rundweg führt unter anderem zu Käthe Kollwitz, Otto Nagel, Irmgard Morgner, Ludwig Renn, zum Astronomen Friedrich Simon Archenhold, den Gartenarchitekten Hermann Mächtig und Axel Fintelmann, dem Berliner Stadtrat und zum Grab des Heimatforschers Ernst. An das Mausoleum der Bankiersfamilie von Bleichröder erinnert jetzt ein Gedenkstein. Der Bau selbst wurde auf Wunsch Wilhelm Piecks bei der Errichtung der Gedenkstätte der Sozialisten abgerissen, weil er den „Eindruck beeinträchtigt“ hätte.

Der Autor ist Vorsitzender des Förderkreises Erinnerungsstätte der deutschen Arbeiterbewegung Berlin-Friedrichsfelde e.V.

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