Exklusiv : S-Bahn-Entgleisung offenbar durch menschlichen Fehler ausgelöst

22.08.2012 21:02 Uhrvon
Ursachenforschung an der Unglücksstelle in Tegel. Im Bild vorne: Der Hilfsgerätezug, der die dahinter liegende S-Bahn zumindest teilweise wieder auf die Schiene setzen konnte. Foto: dapd
Ursachenforschung an der Unglücksstelle in Tegel. Im Bild vorne: Der Hilfsgerätezug, der die dahinter liegende S-Bahn zumindest teilweise wieder auf die Schiene setzen konnte. - Foto: dapd

Ursache für die Entgleisung eines S-Bahn-Zugs am Dienstag in Tegel war offenbar ein menschlicher Fehler. Nach Tagesspiegel-Informationen wurde eine Weiche manuell zu früh umgestellt.

Der Fehler ist im Stellwerk passiert: Weil ein Mitarbeiter dort eine Weiche zu früh umgestellt hat, ist am Dienstagmittag eine S-Bahn kurz nach Verlassen des Bahnhofs Tegel auf ein falsches Gleis geraten und entgleist. Fünf Fahrgäste waren leicht verletzt worden, der Triebfahrzeugführer hatte einen Schock erlitten. Offiziell wurde der Fehler im Stellwerk nicht zugegeben; das Eisenbahnbundesamt bestätigte aber, dass sich die Ermittlungen auf „die betrieblichen Abläufe im Stellwerk“ – und auf die Instandhaltung – konzentrierten. Einen technischen Defekt an der Weiche hält man für ausgeschlossen.

Die S-Bahn will am Sonnabend nach der Reparatur der stark beschädigten Gleise auch wieder Züge über die Weiche fahren lassen.

Zum Zeitpunkt des Unfalls waren zwei Fahrdienstleiter auf dem Stellwerk, ein 52-jähriger Mann und eine 44-jährige Frau. Normalerweise ist das Stellwerk nur von einer Person besetzt. Warum zwei Mitarbeiter Dienst machten, teilte die Bahn nicht mit. Erst müssten die Ermittlungen abgeschlossen sein, sagte ein Sprecher.

Möglicherweise hängt die Doppelschicht mit den Auswirkungen eines Blitzeinschlags in Sicherungsanlagen der Bahn in der Nacht zu Dienstag zusammen. Die S-Bahn hatte danach den Betrieb zwischen Hennigsdorf und Tegel unterbrochen, am Morgen dann aber wieder aufgenommen. Wenige Stunden danach kam es zum Unglück.

Die Bilder von der Unglücksstelle in Tegel:

  • Glück im Unglück: Der Tatsache, dass die S-Bahn langsam fuhr, haben möglicherweise Menschen ihr Leben zu verdanken. Foto: AFP
    Glück im Unglück: Der Tatsache, dass die S-Bahn langsam fuhr, haben möglicherweise Menschen ihr Leben zu verdanken. - Foto: AFP
  • Viel zu tun: Am Mittwoch laufen die Aufräumarbeiten, nachdem am Vortag eine S-Bahn entgleist war. Foto: dpa
    Viel zu tun: Am Mittwoch laufen die Aufräumarbeiten, nachdem am Vortag eine S-Bahn entgleist war. - Foto: dpa
  • Mit diesem Foto will die Bahn belegen, dass es keinen Achs- oder Radbruch an dem entgleisten Zug gegeben hat, wie teilweise vermutet worden war. Foto: Deutsche Bahn
    Mit diesem Foto will die Bahn belegen, dass es keinen Achs- oder Radbruch an dem entgleisten Zug gegeben hat, wie teilweise vermutet worden war. - Foto: Deutsche Bahn

Nach Tagesspiegel-Informationen funktionierten durch den Blitzeinschlag die sogenannten Gleisfreimeldeanlagen nicht mehr, die dem Stellwerker zeigen, in welchem Abschnitt des Gleises ein Zug fährt. Die Anzeigen leuchteten alle rot. In diesem Fall muss sich der Stellwerker auf anderen Wegen überzeugen, dass das Gleis frei ist, bevor er Signale und Weichen stellt. Dies ist ein übliches Verfahren, durch das die Sicherheit gewährleistet bleibe, heißt es bei der Bahn. Deshalb habe der Verkehr trotz des Blitzeinschlags in die Sicherungsanlagen wieder aufgenommen werden können.

Am Tag danach wurden die Wagen auf die Schienen gehoben, jetzt wird das Gleisbett repariert. Und die Ermittler richten ihren Blick auf die Ereignisse im Stellwerk. Foto: dpa
Am Tag danach wurden die Wagen auf die Schienen gehoben, jetzt wird das Gleisbett repariert. Und die Ermittler richten ihren Blick auf die Ereignisse im Stellwerk. - Foto: dpa

Die beiden Stellwerker sollen von einem Monteur, der im Relaisraum des Stellwerks arbeitete, gebeten worden sein, die Weiche „so früh wie möglich“ umzustellen, um die Funktion zu überprüfen. Vor dem Stellen der Weiche hätten sich die Stellwerker durch einen Kontakt mit dem Triebfahrzeugführer oder mit der Abfertigung auf dem nächsten Bahnhof überzeugen müssen, dass die S-Bahn den Weichenbereich verlassen hat, sagte ein Insider. Vom weit entfernten Stellwerk aus ist die Unglücksweiche nicht zu sehen. Da die Kontrolle offensichtlich unterblieben war, wurde die Weiche in dem Moment umgestellt, in dem sie von der S-Bahn überfahren wurde. Die ersten beiden Wagen fuhren weiter auf dem regulären Gleis; die vier folgenden dagegen wurden auf das abzweigende Gleis geschickt. Der dritte und vierte Wagen des Zuges entgleisten dadurch und kamen zwischen beiden Gleisen, die mehrere Meter auseinanderliegen, zum Stehen.

Die S-Bahn wies Beschuldigungen der Initiative „S-Bahn-Tisch“ als „Unsinn“ zurück, nach denen alle Indizien auf einen Achs- oder Radbruch als Unfallursache hinwiesen. Die Initiative hatte sich auf vertrauliche Kreise aus dem Unternehmen berufen. Spekulationen hinsichtlich der Unfallursache seien weder sachdienlich noch hilfreich, sagte S-Bahn-Geschäftsführer Peter Buchner.

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