Berlin : Weihnacht im Wald: Mit der Axt zur Firmenfeier

Claus-Dieter Steyer

Die alljährliche Weihnachtsfeier der Firma muss nicht immer wieder im eigenen Haus, in der Kneipe an der Ecke oder im Theater stattfinden. Der Wald vor den Toren der Großstadt bietet sich als etwas ungewöhnlicher, aber durchaus zünftiger Veranstaltungsort an. Die Bereitschaft von Eigentümern, Förstern und Forstarbeitern in ganz Brandenburg ist dafür jedenfalls nach einigen erfolgreichen Versuchen in der vergangenen Weihnachtssaison vorhanden. "Entweder meldet sich die Gruppe zu einer der vielen öffentlichen Aktionen zum Schlagen des eigenen Weihnachtsbaumes an", sagt Gernod Bilke vom Landwirtschaftsministerium. "Oder sie vereinbart mit den jeweiligen Revierförstereien einen separaten Termin." Dann werde ein Waldstück abgesperrt, wo nach Wunsch Glühwein, Gulaschsuppe oder andere Speisen gereicht würden. Die Firma könne natürlich auch einen Partyservice in den Wald dirigieren.

Höhepunkt seien die Suche des eigenen Weihnachtsbaumes und der Griff zur Säge oder zum Beil. Nicht selten steche da die Sekretärin ihren Chef oder der Geselle seinen Meister mit einem besonders schön gewachsenen Stamm aus. Spaß und eine weihnachtliche Stimmung stellten sich am Lagerfeuer gewiss von selbst ein, meint der Forstmann Bilke. Er rechnet in den nächsten Wochen mit rund 200 Betriebsfeiern im Wald, die erfahrungsgemäß oft in einer nahen Gaststätte ausklingen.

Ansturm am dritten Advent

Auch ohne diesen Gaudi stellen sich die Fachleute und Eigentümer in den nächsten Wochen bis zum Fest wieder auf einen regelrechten Ansturm der Berliner auf die Weihnachtsbaumkulturen ein. Denn immer mehr Familien holen ihren Baum nicht mehr vom Händler, sondern ganz legal aus den Brandenburger Wäldern. Die Förster und Waldbesitzer laden dazu ein. Etwa 160 Veranstaltungen gibt es im ganzen Land, wobei sich die meisten Termine auf das dritte Adventswochenende am 16. und 17. Dezember konzentrieren. Wer sich da seine Kiefer oder Fichte für die Stube sichert, braucht sich nach Ansicht der Fachleute keine Sorgen um die Nadeln zu machen. "Die bleiben das ganze Fest und noch bis in den Januar hinein am Baum", versichert Gernod Bilke. Im Vorjahr wurden rund 90 Prozent der aus dem Brandenburger Staatswald geholten 64 000 Christbäume bei solchen Aktionen verkauft. Insgesamt gelangen rund 150 000 Exemplare aus der Mark in den Verkauf.

Niemand muss sich beim Ansetzen der Säge oder der Axt Sorgen um die Zukunft des Brandenburger Waldes machen. Die Besitzer und Förster suchen die einzelnen Flächen mit Bedacht aus. Revierchef Volker Kademann aus Falkensee macht eine einfache Rechnung auf: Auf einem Hektar einer neuen Waldfläche werden rund 10.000 Kiefern gepflanzt, manchmal sogar bis 16 000. Die kleinen Exemplare treiben sich gegenseitig in die Höhe und verhindern so ein Ausbreiten des Grases, das in reinen Plantagen oft mit Gift bekämpft wird. Doch spätestens nach sechs bis zehn Jahren reicht der Platz für alle Bäume nicht mehr aus. Die Mehrzahl muss raus aus dem Wald. Nach 120 Jahren stehen auf dem einst neubepflanzten Hektar nur noch 250 Kiefern.

Der Förster würde außerdem nach rund sechs Jahren genau jene Bäume fällen, die dem Ideal eines Weihnachtsbaumes entsprechen: ein Stamm mit möglichst vielen Ästen. Damit könnte dieser zwar viele Kerzen oder Kugeln tragen, aber in der Holzindustrie hätte ein Brett mit so vielen Ästen kaum Chancen. Zu den bevorzugten Flächen fürs Weihnachtsbaumschlagen gehören auch Trassen unter Hochspannungsleitungen oder über Gasleitungen, wo die Bäume nicht zu hoch oder tief wachsen dürfen.

Die Preise für die einzelnen Sorten haben sich im Vergleich zum Vorjahr nicht verändert. Die Kiefer, die fast 80 Prozent des Waldes bestimmt, kostet je Meter etwa acht Mark. Sie bleibt in warmen Räumen am längsten ansehnlich. Für die Fichte als klassischen Weihnachtsbaum werden elf Mark je Meter verlangt. Sie nadelt vergleichsweise schnell. Die aus Nordamerika stammenden Douglasien kosten nicht mehr als die Fichte. Doch es fällt vergleichsweise schwer, den perfekten Baum zu finden. Eine gute Nordmannstanne ist dagegen kaum unter 30 Mark je Meter zu erhalten. Oft beteiligen sich Floristen mit ihren Kunstwerken zur Adventszeit an den Aktionen der Förster. Wer hier nicht selbst kauft, nimmt zumindest Anregungen für eigene Gestecke mit nach Hause.

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