Weihnachten : Das Geschäft des Jahres: Berlin shoppt fürs Fest

Die Schausteller, Süßwarenhersteller, Händler und Hoteliers der Hauptstadt setzen große Hoffnungen auf die Adventszeit.

Cay Dobberke

Für Berlins Schausteller ist die Adventszeit nicht mehr nur die wichtigste Saison, sondern geschäftlich sogar überlebenswichtig: „Die Weihnachtsmärkte sind die finanzielle Rettung, denn sie schreiben schwarze Zahlen – anders als die Volksfeste“, sagt der Sprecher der Schaustellerverbandes, Christian Wagner. „Die Einnahmen reichen gerade so aus, die Zeiten sind rauer geworden.“ Das bestätigt Thilo-Harry Wollenschlaeger, der den Weihnachtsmarkt vor dem Rathaus Spandau und den „Wintertraum“ in der Wilmersdorfer Straße in Charlottenburg organisiert: „Früher waren die Weihnachtsmärkte das Sahnehäubchen, jetzt sind sie unsere Existenzgrundlage.“

Immerhin fließen die Einnahmen vor allem Berlinern zu: Fast alle Marktveranstalter und 80 Prozent der Schausteller, die Karussells aufbauen, stammen laut Wagner aus der Stadt. Von den Budenhändlern komme etwa die Hälfte aus Berlin und der Rest aus dem In- und Ausland.

Auch die Süßwarenindustrie profitiert stark von der Saison. Bei Storck in Reinickendorf stellen 1200 Mitarbeiter „Merci“-Schokolade mit weihnachtlicher Dekoration her. Dies geschehe immer erst kurz vor dem Fest, sagt Storck-Sprecher Bernd Rößler, „die nötigen Kapazitäten haben wir“. Außerhalb der Adventszeit hat das Werk rund 100 Mitarbeiter weniger. Im Tempelhofer Bahlsen-Werk produzieren 357 Mitarbeiter weihnachtliche Süßwaren wie eine „Knuspermischung“, Lebkuchenmänner, die Lebkuchen „Contessa“ und „Grandessa“ und den Schokolebkuchen „Jupiter“.

In Neukölln sind die Georg Lemke GmbH und „Moll Marzipan“ ansässig, die Marzipan und Persipan nach ganz Deutschland liefern – unter anderem an Bäckereien, die Christstollen backen. Lemke stellt jährlich 12 000 Tonnen Marzipan- und Persipanrohmasse her, Moll hat nach eigenen Angaben einen bundesweiten Marktanteil von 37 Prozent bei Mandelpräparaten (Marzipan) und 25 Prozent bei Persipanmasse mit Aprikosenkernen. Beide Unternehmen machen etwa zwei Drittel ihres Umsatzes mit dem Weihnachtsgeschäft.

Hochsaison haben natürlich auch Schokoladengeschäfte. Bei „Fassbender & Rausch Chocolatiers am Gendarmenmarkt“ sprachen Mitarbeiter bereits kurz vor dem Nikolaustag wegen des Kundenansturms vom „Ausnahmezustand“. Laut Jürgen Rausch, der den Familien betrieb in vierter Generation führt, hat sich das Geschäft zum weltgrößten Schokoladenkaufhaus entwickelt. Sehr viel kleiner ist die Manufaktur „In’t Veld Schokoladen“ mit Läden an der Duncker- und Auguststraße. Schon im Frühjahr beginnt die Adventsproduktion in der Schoko-Werkstatt, die der Niederländer Holger in’t Veld 2002 gegründet hatte.

Weihnachtsbaumhändler wie Burkhard Brand vom „Tannen-Paradies“ klagen über die „erdrückende Marktstärke der Baumärkte und Möbelhäuser“. Diese verkauften inzwischen 70 bis 75 Prozent der Fichten und Tannen, schätzt der Chef. Seine Mitte der 70er Jahre gegründete Firma hatte einst 50 Verkaufsstellen, jetzt sind es noch acht. Brand setzt auf „Marktnischen“ wie Zwölf-Meter-Bäume für Gewerbekunden und das eigene Baumständersystem „Easyfix“. Bisher könne seine Familie noch das ganze Jahr von den Einnahmen leben: „Man muss eben sparsam haushalten.“

In manchen Läden mache die Adventszeit „30 Prozent und mehr“ des Jahresumsatzes aus, sagt Hauptgeschäftsführer Nils Busch-Petersen vom Handelsverband. Das gelte natürlich nur bei bestimmten Sortimenten wie Spielwaren und Parfümerie. Auch für Blumenhändler seien November und Dezember „die stärksten Termine“, sagt Jan Pörksen von der Industrie- und Handelskammer (IHK). Dagegen sei die Saison im Möbelhandel „nicht so bedeutend“. Bisher läuft das Weihnachtsgeschäft laut Handelsverband „überraschend gut“ und besser als im Vorjahr. Über Berlin hinaus habe sich herumgesprochen, dass die Läden an den Adventssonntagen öffnen dürfen. Vor allem die Tourismuskampagne „Winterzauber Berlin“ habe viel bewirkt.

Die vor fünf Jahren gestartete Kampagne soll Berlin-Besucher speziell von Ende Oktober bis Anfang Januar anlocken. Die Berlin Tourismus Marketing GmbH (BTM) bewirbt vor allem die Weihnachtsmärkte, die Silvesterfeier am Brandenburger Tor und die Weihnachtsbeleuchtung in den Einkaufsstraßen. Letztere wird fast überall von der Firma Boehlke Beleuchtungstechnik gestaltet. Andreas Boehlke und seine 35 Mitarbeiter in Heiligensee beleuchten aber auch das „Festival of Lights“ und viele weitere Veranstaltungen in anderen Jahreszeiten.

Für Silvester bieten Hotels preisgünstige „Übernachtungspakete“ an. Weihnachten dagegen sei „keine klassische Reisezeit, da bleiben die Leute bei ihren Lieben“, sagt Christian Tänzler von der BTM. Aktuelle Buchungszahlen kennt er nicht. Im Dezember 2007 waren rund 1,25 Millionen Übernachtungen gezählt worden – fünf Prozent mehr als 2006.

Berlins größtes Hotel, das Estrel in Neukölln, ist laut Sprecherin Mihaela Djuranovic im Dezember zu 53 Prozent ausgelastet und zu Silvester ausgebucht. Insgesamt „ist es für uns das zweitbeste Jahr nach 2007“. Nur das Interesse am Adventsbrunch im Hotelrestaurant sei leicht gesunken.

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