Weihnachtskommerz : Ja, ist denn schon Weihnachten?

Es ist September, längst liegen die ersten Weihnachtsplätzchen in den Regalen. Unsere Autorin meint: Grässlicher können die Glocken nie klingen, als wenn sie vor der Zeit besungen werden.

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Schöne Vorweihnachtszeit! Ab Ende August stehen einschlägige Spezereien in den Supermarktregalen. Muss das eigentlich sein?
Schöne Vorweihnachtszeit! Ab Ende August stehen einschlägige Spezereien in den Supermarktregalen. Muss das eigentlich sein?Foto: Sebastian Kahnert/dpa

Und der Gewinner ist … der Mai! Ich habe es ein Jahr lang ganz genau beobachtet: Der Mai ist der einzige von zwölf Monaten, in dem man nicht mit Weihnachtskommerz und rührseliger Folklore konfrontiert wird. Ein Wahnsinn!

Mir reicht es schon lange mit der immerwährenden Weihnachtsseligkeit. Als Heinrich Böll 1952 bei einer Tagung der Gruppe 47 zum ersten Mal seine Satire „Nicht nur zur Weihnachtszeit“ las, in der Tante Milla darauf besteht, jeden Tag Weihnachten zu feiern mit einem permanent „Frieden, Frieden“ säuselnden Engel, wurde er von einem Pfarrer noch der „Verunglimpfung des deutschen Gemüts“ bezichtigt. Damals war freilich noch nicht an die besondere Form der Folter zu denken, mit denen eigentlich seriöse Unternehmen das Gemüt praktisch ganzjährig traktieren.

Als ich am ersten Septembertag beim Einkauf von Nüssen und Salsa den Kassierer fragte, ob all die herum liegenden Weihnachtsgebäckmischungen schon für dieses Jahr bestimmt seien, gestand er, dass er bereits den ersten Stollen für sich gekauft habe. Die ersten Weihnachtsmänner in den Supermärkten haben im Schlepptau in der Regel Spekulatius, Lebkuchen, Marzipankartoffeln. Ich weiß nicht, wer so was essen kann, während die Pflaumenernte noch in vollem Gang ist. Mir wird allein beim Anblick übel. Anderswo ist es nicht besser. Ein Londoner Kaufhaus eröffnete seinen Weihnachtsmarkt bereits am 4. August. In der zweiten Augustwoche tobte in Neukölln die große vorweihnachtliche Aufwärmschlacht für Duftkerzen-Verkäufer. Mit der einschlägigen Liedbeschallung ließ man sich früher pietätvollerweise Zeit, bis die novemberlichen Totengedenktage ins Land gegangen waren. Inzwischen werden sogar Adventskränze völlig sinnfrei schon vor Totensonntag verscherbelt. Die Blätter hängen bunt noch an den Bäumen, wenn der Traum von der Weißen Weihnacht gnadenlos in jedes Ohrloch kriecht. Grässlicher können die Glocken nie klingen, als wenn sie vor der Zeit besungen werden.

Ich weiß nicht, wer schon Stollen essen kann, während die Pflaumenernte noch in vollem Gang ist

Den Lebkuchen-Tsunamis folgen die Dekorationen, nach denen der Deutsche so dringlich dürstet, Bilder von verschneiten Hexenhäuschen, von reinlich gewindelten, rosenbäckigen Kindern und Engeln ohne Ende. Und da soll man bitte keine Allergie kriegen?

Sicher, man könnte alle Einkaufsstätten meiden. Wozu gibt es Lieferservices? Winterklamotten könnte man zur Not in unserem Sommer in Australien kaufen. Eine Verkäuferin sagte beschwichtigend, dass sich die Leute eben gern beizeiten eindecken. Ich mag aber keine Nougatglocken, die wochenlang im Schrank vor sich hingegammelt haben. Und noch weniger mag ich die höhnischen Gesichter von Verkäufern, wenn ich eine Woche vor dem Fest nach Nougatglocken frage, die dann natürlich schon laaange ausverkauft sind. Wer zu spät kommt… schon gut. Wer zu früh kommt, ist aber auch unpünktlich – und wer bestraft den eigentlich?

Und wieso rede ich angesichts der unerträglich ausgewalzten Folklorepampe immer noch von „Fest“? Ein Fest ist normalerweise ein Höhepunkt und weiß nichts von den Torturen der endlos sich hinwalzenden Ebene. Ist es erstmal vorbei, kommen die nachweihnachtlichen Umtauschtage, dann der Ausverkauf der restlichen Süßigkeiten und Dekos, der sich wegen der Sortenvielfalt bis weit in den Februar hineinziehen kann und zunehmend zerfleddert daher kommt. Letzten März wurde bei der Vorstellung eines sommerlichen Kochbuchs gleichzeitig der neue Weihnachtskrimi der Autorin präsentiert. Titel: „Stille Nacht“, und nein, ich habe ihn noch nicht gelesen. Im April stöberte ich in einem Café nach Osterüberraschungen – und stieß in dem Körbchen auch auf einschlägig verpackte Weihnachtssachen. Auf der Jagd nach einem Regenbogen-Shirt musste ich im Juni in einem Souvenirladen an einem fett behängten Tannenbaum vorbei. Im Juli las ich, dass ein nahes Konferenzzentrum sein Jubiläum mit einer Weihnachtsfeier begangen hat. Hoffentlich war die Agentur, die sich etwas dermaßen Originelles ausgedacht hat, nicht zu teuer.

Aber was rege ich mich auf – Frieden! Frieden! Frieden!

Dieser Text erschien zunächst als Rant in unserer gedruckten Samstagsbeilage Mehr Berlin.

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