Weihnachtsmärkte in Berlin : Geröstet bis angebrannt

Ästhetische Weihnachtsstimmung am Schloss Charlottenburg oder lieber Oktoberfest 2.0 am Alex? Romantische Altstadt hat Berlin zwar keine, dafür eine Vielzahl an Weihnachtsmärkten.

von
Weihnachtsmann auf dem Weihnachtsmarkt vor dem Opernpalais.
Weihnachtsmann auf dem Weihnachtsmarkt vor dem Opernpalais.Foto: dpa

Das wichtigste am Weihnachtsmarkt ist natürlich die historische Altstadt drum herum. Dann entsteht so etwas wie in Dresden oder Rothenburg, was die Weihnachtssüchtigen aus der ganzen Welt anzieht. Und richtig, Berlin hat keine Altstadt, und wird deshalb in Sachen Weihnachtsmarkt immer als Emporkömmling betrachtet, Geschäft gut, Romantik null.

Von diesem Geburtsfehler abgesehen hat sich auf den Weihnachtsmärkten der Stadt allerhand getan. Vor allem: Sie haben sich unterschiedliche Erscheinungsbilder gegeben. Gendarmenmarkt – das ist der kulinarisch-kommerzielle für die Touristen. Schloss Charlottenburg – der ästhetische für die Nachbarschaft, die in diesem Fall ganz Berlin umfasst. Alexanderplatz – Oktoberfest 2.0 für Eltern, Kinder und, naja, den Alexanderplatz eben.

Da heutzutage jeder Veranstalter ein paar Holzbuden vor die Tür stellt und darin gebrannte Mandeln rösten lässt, ist eine vollständige Liste kaum möglich; erwähnenswert wäre noch Spandau, der Klassiker – schön in Nähe der Nikolaikirche, weiter weg, doch etwas ausufernd.

Flaggschiff-Charakter hat aber schon seit Jahren der "Weihnachtszauber" am Gendarmenmarkt, gewissermaßen der Hauptbahnhof unter den Weihnachtsmärkten und wohl der zentralste und umsatzträchtigste. Dass das so ist, merkt man schon daran, dass zur Eröffnung am Montag die Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer auf der Bühne erschien und dort auf RBB-Allzweckmoderator Ulli Zelle traf; gleich danach schmetterten die würdigen Herren vom Sonari-Chor ihr „Exsultate, jubilate“.

Rohmilchkäse statt Chinapfanne

Niveau also wird angestrebt, und tatsächlich erfüllen die Aussteller akkurat zumindest die Minimalanforderung an jeden anständigen Weihnachtsmarkt, nämlich die Abwesenheit jeglicher Chinapfanne. Allerdings werden sich Puristen trotzdem schon deshalb empört abwenden, weil es hier Hunderte von Sitzplätzen in geheizten Zelten gibt, was dem Modell-Ideal widerspricht: Das lässt nur knorrige Herrgottschnitzer zu, vor deren eingeschneiten Werkstätten die Gäste ihre blaugefrorenen Hände am Glühwein wärmen.

Der Gendarmenmarkt dagegen wirkt ein wenig so, als hätten die Gastronomen der Umgebung einfach ihre Stühle für einen Monat rübergeschoben. Das trifft allerdings nur für Lutter&Wegner und das Lafayette auch wirklich zu, während die anderen von weiterher kommen: Hartmut Guy zum Beispiel aus Kreuzberg, die Leute vom Cavalierhaus aus Caputh, von der Enoiteca Il Calice in Charlottenburg.

Dazu kommt, was im Freien angeboten wird, Würste natürlich, gebrannte Mandeln, frisch gebackenes Brot – das ist schon deshalb wichtig, weil eine weitere Voraussetzung für einen authentischen Weihnachtsmarkt der Duft zwischen geröstet und angebrannt ist. Außerdem sind viele rustikale österreichische Produkte zu haben, die weiter oben im Norden generell als weihnachtstauglich gelten. Auch teure Rohmilchkäse werden verkauft, was Feinschmecker freuen wird – mit dem Fest haben sie wenig zu tun.

Einschließlich der Stände im Freien gehen so mindestens zwei Drittel der Fläche für Gastronomie drauf, der Rest ist Kunsthandwerk, das sich allerdings nur zum Teil direkt mit dem Weihnachtsfest in Verbindung bringen lässt, zum Teil aber zumindest mit dem Winter, wenn beispielsweise Strickwaren oder Handschuhe angeboten werden.

Der weite Raum zwischen Kitsch und Kunst wird mit allen handwerklichen Mitteln ausgelotet, aber das Resultat könnte durchaus schlimmer sein. Wer hier nach einem Geschenk sucht, der sollte irgendetwas finden, was nicht in jedem Kaufhaus herumsteht und sich auch im Internet nicht überall aufdrängt, Porzellan, Taschen, Schals, Holzarbeiten.

Eine außerordentlich clevere Idee ist es, nach 14 Uhr generell einen Euro Eintritt zu verlangen, denn das hält Zufallsgäste ab und verhindert so das schlimmste Gedränge. Hunde dürfen generell nicht hinein. Und der Romantikfaktor? Die Umgebung ist immerhin historisch imposant und wertvoll, und der Weihnachtsbaum funkelt hingebungsvoll. Käme jetzt noch Schnee statt Regen, wäre schon alles okay.

Mehr Informationen zu Weihnachtsmärkten finden Sie auf unserer Sonderseite: weihnachten.tagesspiegel.de

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

6 Kommentare

Neuester Kommentar