Weihnachtsschmuck Entsorgung in Berlin : Können Bäume weinen?

Was wird aus unserem Freund, dem Baum, wenn alles vorbei ist? Eigentlich weiß doch jeder von uns, dass Koniferen nicht weinen können. Eine Glosse.

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Mein Freund, der Baum, ist braun.
Mein Freund, der Baum, ist braun.Foto: RG

Was bisher geschah: Die Xmas-Familie (Vater, Mutter, zwei Kinder) saust am 2. Januar abends durch Schöneberg, als der Chauffeur beim Bayerischen Platz in letzter Sekunde einer Abies auf dem Asphalt ausweicht. Über Äste der Tanne, wie das Gewächs auf Deutsch heißt, rollen noch die PKW-Räder, der Stamm wird umkurvt. Mutter ist erleichtert, dass Vaters Fahrkünste für das James-Bond-Manöver gelangt haben, während die Söhne den authentischen Kontakt mit der Kriminalität auskosten. Waren die Ahnungslosen Zeugen einer postnatalen Fluchttragödie? Der Polizeibericht andertags wird das gefährliche Geschehen, in Abstimmung mit der Lügenpresse, unterschlagen.

Fünf-Zentimeter Tanne

Was gerade passiert: Die Familie bereitet den Xmas-Endspurt vor, der laut Kirchenjahr bis zum 2. Februar reicht, in der BSR-Praxis aber mit Dreikönig und der Ausgrenzung nadelnder Stammgäste einhergeht. Dass dies Fest auch ohne Koniferen-Aufwand gültig absolviert werden kann, hatte die Familie zwei Jahre zuvor in Abu Dhabi erlebt, unter Einsatz eines glasperlenverzierten Fünf-Zentimeter- Tännchens. Das Mitbringsel von dort, ein lila Pappkamel, baumelt nun hoch oben im Charlottenburger Wohnhaus am diesjährigen Drei-Meter-Oschi: um der gefürchteten muslimischen Putzfrau zu vermitteln, dass es sich da weder um konfessionelles noch um germanisches oder abendländisches Brauchtum handelt. Weshalb der Entwurzelte, trotz Haarausfall, nicht vorzeitig zu misshandeln sei.

Was kommen wird: Die Eltern der Xmas-Familie schauen zur Einstimmung „Fenster zum Hof“, einen Thriller über den Tag, an dem die Säge sägen will; den sie ihrem zarten Nachwuchs noch vorenthalten. In panischer Angst vor dem nahenden Horror hat sich bereits eine bestürzende Dunkelziffer suizidaler Jahresend-Hölzer in Berlins Straßengräben vor den rasenden Kfz-Verkehr geschmissen. Nur zu bald werden die Verbliebenen rumpeldipumpel treppab geschleift, andere viele Stockwerke heruntergestoßen, falls kein Auto, kein Passant dagegensteht. Wo mein Freund, der Baum, zu dick, die Treppe zu schmal ist, läuft es auf Hitchcock hinaus.

Vater erinnert sich der Zeit, als er am Liederwettstreit eines Boulevardblattes gegen das Waldsterben teilnahm und für „Bäume können doch nicht weinen“ leer ausging. Mutter, praktisch veranlagt, setzt ihre Stichsäge an. Vater füllt aus den Übrigbleibseln Tüten und Pakete, die so harmlos aussehen, wie das, was der frustrierte Ehemann in „Fenster zum Hof“ aus dem Hause schafft. Dies Jahr kann kommen, fürchtet euch nicht.

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