Berlin : Weihrauch und ungewohnte Klänge

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Von Jörg-Peter Rau

Ganz fremd ist den evangelischen Christen der Luisengemeinde in Charlottenburg der Weihrauchduft nicht. Seit 15 Jahren pflegen die dortigen Gemeindemitglieder einen intensiven Austausch mit der armenisch-apostolischen Gemeinschaft, die in der Nachbarschaft ihr Gemeindehaus hat. Vielleicht auch deshalb war die Kirche am Sonntag nur mäßig gefüllt, obwohl mit Erzbischof Mesrop II. Mutafian, Patriarch von Istanbul, und dem Ratsvorsitzenden der evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Manfred Kock, zwei höchstrangige Vertreter der beiden Kirchen beim Gottesdienst dabei waren.

Der Patriarch von Konstantinopel ist zur Zeit auf Einladung der EKD in Deutschland zu Gast und wollte am Sonntag einen evangelischen Gottesdienst miterleben, wie Pfarrer Stephan Kunkel sagte. Rigiden Protestantismus hat er nicht erlebt. Dafür aber eine Gemeinde, die sich öffnet und fasziniert den ungewohnten polyphonen Gesängen des armenischen Chors ebenso lauschte wie den abendländisch-romantischen Liedern der Schöneberger Chorwerkstatt. Und die Gäste am Abendmahlstisch selbstverständlich akzeptiert.

Ökumene habe in der Kaiser-Wilhelms- und Luisen-Kirchengemeinde eine lange Tradition, sagte dann auch der armenische Ortspriester Serovp Isakhanyan: „Immer wieder feiern wir hier in der Luisenkirche und werden gastfreundlich empfangen." So verwundert es nicht, dass Pfarrer Kunkel nicht den eigentlich vorgesehenen Predigttext auslegt, sondern das Evangelium (Lukas 14, 16-24).

Im Gleichnis vom großen Abendmahl, zu dem keiner der geladenen Gäste erscheinen will und das statt ihrer die Bettler und Aussätzigen an den Tisch des Gastgebers führt, erkennt Kunkel ein „Bild für Gottes universale Gemeinschaft mit den Menschen“, die Grundlegung für das Zusammenleben und -beten aller Gläubigen. Der Bibeltext sei als „Appell Gottes“ zu verstehen, nicht das Trennende zu suchen, sondern das Verbindende zu erkennen. Ein gemeinsames Auftreten sei nötig, „damit die Stimme der Christenheit gehört wird.“

Zum Beispiel beim ersten ökumenischen Kirchentag, der in einem Jahr in Berlin stattfinden soll. Erzbischof Mesrop II. spendet dann auch zum Abschluss des Gottesdienstes den Segen nach der uralten armenischen Liturgie - und ergreift dann noch das Wort. Gerade in Wittenberg, wo die Spaltung der Konfessionen in Mitteleuropa ihren Aufgang genommen hatte, habe er einmal mehr erkannt, dass es die gemeinsame Basis eben doch gebe.

Wie es auch die sorgsam ausgewählten Lieder, die gesungen wurden, zeigen sollten. In einem heißt es: „Schau dir die Zerstreuung an, der sonst niemand wehren kann. Erbarm dich, Herr."

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