WEINE des Monats : Roussillon gegen Rheinhessen

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9,50 Euro bei Schramms, Kastanienallee 83, Prenzlauer Berg, und Querschnitt, Winterfeldtstraße 46, Schöneberg.
9,50 Euro bei Schramms, Kastanienallee 83, Prenzlauer Berg, und Querschnitt, Winterfeldtstraße 46, Schöneberg.

Das große Tabu: der Jahrgang. Ein ordentlicher Winzer darf alles durcheinanderschmeißen, Rebsorten, Lagen – aber nie Jahrgänge. Erfolg wird zumindest in Deutschland meist darin gemessen, dass der Keller pünktlich zur neuen Lese geräumt ist. Dabei bietet der Verschnitt verschiedener Jahrgänge die Möglichkeit, die Vorzüge junger und gereifter Weine miteinander zu verbinden. Christoph und Johannes Spiess treten auf ihrem Familienweingut im rheinhessischen Bechtheim den Beweis an, wie gut das funktionieren kann: Kreuz und quer heißt ihr Rotwein, mit dem sie das Tabu demonstrativ ignoriert haben. Drinnen stecken regionale und internationale Reben aus verschiedenen Lagen, und eben Weine verschiedener Jahrgänge. Was die Theorie vermuten lässt, beweist die Praxis: Hier ist die Balance der Primärfrucht junger Weine mit den weichen Tanninen der gereiften tatsächlich exemplarisch gelungen, das schmeckt saftig-pfeffrig mit animierender Frucht und Fülle. Spötter mögen Resteverwertung vermuten, sollen sie. Genießer profitieren vom günstigen Preis.

Der große Erfolg der aktuellen Mittelmeerweine aus Spanien oder Frankreich beruht durchweg auf der Neuentdeckung traditioneller roter Rebsorten. Auch im Anbaugebiet Côtes du Roussillon nördlich der Pyrenäen, dem sonnenreichsten in Frankreich, funktioniert dieses Rezept: Weine aus Reben wie Carignan, Mourvèdre und Grenache Noir haben dort längst alle Versuche mit internationalen Sorten vergessen lassen. Auch die schon im 17. Jahrhundert gegründete Domaine des Chênes kultiviert auf 30 Hektar vor allem diese Sorten, ergänzt um die früher vor allem an der Rhone heimische Syrah. Der Eigner Alain Razungles weiß als Önologie-Professor und Sensorik-Spezialist ganz genau, wie man aus den zum Teil sehr alten Reben das Optimum herauskitzelt und die Vorzüge der jeweiligen Sorte betont. Sein 2010 Les Grandes-Mères Vieilles Vignes, komponiert aus 60 Prozent Carignan, 30 Prozent Syrah und 10 Prozent Grenache noir, hat 18 Monate im Holzfass gelegen und ist nun perfekt trinkreif – ein konzentrierter, kräftiger Roter, der mit sehr schön balancierten Aromen von dunklen Beeren, Kirschen und dunkler Schokolade punktet, die auch am Gaumen anhalten, zusammengehalten durch dezente Röstnoten vom Holz. Bernd Matthies

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