Berlin : Weinfreunde-Treffen: Wohin nur mit den vielen Trauben?

Bernd Matthies

Wo sich im neuen Berlin die Weinfreunde mit den Winzern treffen, scheint es allmählich vorbei zu sein mit der Gemütlichkeit der Weinstuben und Hotelsalons. Groß! Also mussten sich viele Stammgäste der "Gutswein Unter den Linden", der vertrauten Präsentation des Verbandes deutscher Prädikatsweingüter (VDP) an den Zollernhof, das neue ZDF-Gebäude, erst ein wenig gewöhnen. Eine hohe Halle, ein Glasdach hoch über den Köpfen, aber im Grunde nicht viel mehr Platz als bisher im Palais am Festungsgraben. Doch hier musste sich kein Winzer mehr abgeschoben fühlen, alle hatten gleichwertige Plätze. Ein Erfolg also, zweifellos, wenn auch offen blieb, ob das nun der neue Dauerstandort der Veranstaltung sein wird: Beim nächsten Mal, so sinnierte VDP-Geschäftsführerin Eva Raps, würden es womöglich nicht mehr nur knapp hundert Betriebe sein, sondern vielleicht 120.

Was war Thema in diesem Jahr? Erstens: Der Kampf gegen die drohenden Übererträge im laufenden Herbst. Man kenne das schon, sagte Agnes Hasselbach vom Rheinhessen-Gut Gunderloch: Selbst wenn man die überzähligen Trauben bis auf das absolute Minimum ausschneide, würden die restlichen Trauben so dick, dass es am Ende doch bei viel zu hohen Erträgen bleibe. Erfahrung und Geschick sind also gefragt, und niemand traut sich verlässliche Prognosen darüber zu, was es mit dem 2000er nun auf sich hat.

Sicherer sind da Aussagen über den 99er, der bei Winzern und Kunde nichts als Freude verbreitet. Vor allem die heiklen Saar-Weine, die in mäßigen Jahren nur für hartgesottene Sauer-Trinker geeignet sind, stehen diesmal an der Qualitätsspitze. Typisch dafür die Kollektion von Hanno Zilliken aus Saarburg, der mit besonderem Vergnügen eine halbtrockene Auslese aus dem Saarburger Rausch ausschenkte, die das Durchgären im Februar einfach eingestellt hatte und nun langsam zu einer Sensation heranreifen dürfte. Doch auch die Moselwinzer sind glücklich, beispielsweise der eigenwillige Reinhard Löwenstein, der sich vor einiger Zeit einen heruntergewirtschafteten Weinberg in der vergessenen Steillage Hatzenporter Kirchberg gekauft hat und nun aus dem Stand einen neuen Spitzen-Riesling anbieten kann.

Außerdem schien es, als präge sich die Individualität der einzelnen Regionen und Winzer weiter aus: Aus Franken kommen von Paul Schmidt knorrige, bodenbetonte Weißburgunder und Rieslinge, wie sie in den letzten Jahren selten waren, und am Kaiserstuhl arbeitet Andreas Stigler unverdrossen gegen den Trend zu immer breiteren, holzbetonten Grau- und Weißburgundern und macht schlanke, herbe Weine, die in der Gastronomie wegen ihrer dezenten Art gesucht werden. Sie alle und viele Kollegen dürften an diesem Wochenende eine Reihe neuer Kunden gewonnen haben.

Groß - das war auch die Auftaktveranstaltung in Rockendorfs Restaurant, wo schätzungsweise 400 Besucher die Halle des angrenzenden Tertianums füllten. Zu groß war womöglich die Absicht, diesen Gästen nun gleich Gerichte von 13 Berliner Küchenchefs anzubieten. Zwar rackerten die Meister wie wild, konnten aber nicht verhindern, dass gegen Mitternacht noch drei Gänge ausstanden und nicht mehr allzu viele Gäste auf die Zubereitungen des Patrons selbst warten mochten. Doch es ist anzunehmen, dass an diesem Abend keine Frage, den Wein betreffend, offen blieb. Viel diskutiert wurde die Versteigerungsprobe von edelsüßen Rieslingen, die der Weinhändler Georg Mauer am Abend vor der Veranstaltung organisiert hatte: Gut zwei Dutzend hochrangige Abfüllungen, die im Herbst nur auf Auktionen verkauft werden und vermutlich in den Kellern amerikanischer und japanischer Händler verschwinden. Wieder einmal stahl ein Eiswein des Nahe-Spezialisten Hermann Dönnhoff allen anderen die Schau, gelesen 1998 in der Oberhäuser Brücke, am Montag, dem dritten der drei legendären Eisweintage dieses Jahrgangs: überwältigend intensiv, endlos lang und von unglaublicher Strahlkraft. Doch auch die Weine von Egon Müller-Scharzhof erfüllten alle Erwartungen; der weltberühmte Meisterwinzer, der eigens nach Berlin gekommen war, nahm den Beifall mit nobler Zurückhaltung.

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