Berlin : Weiße Wildnis

Ungewöhnliche Tierarten und geschütztes Grün: Am heutigen Berliner Naturschutztag werden die 15 EU-Ökogebiete vorgestellt

Daniela Martens

Der Eremit ist nicht zu sehen. Aber er ist da, so viel ist sicher. Irgendwo dort hinter der Rinde der schiefen Eiche im verschneiten Schlosspark Buch. „Hier sind die Eintrittslöcher zu sehen“, sagt Manfred Schubert und zeigt auf einen Spalt in der krustigen Borke. Das unkundige Auge sieht da nichts. Aber Biologe Schubert kennt sich aus mit Eremiten, den dunklen, dicken Kerbtieren, auch Juchtenkäfer genannt. Heute haben auch andere Berliner die Gelegenheit, Eremiten und anderem Getier auf die Spur zu kommen – heute ist Naturschutztag.

Manfred Schubert und der Käfer haben eines gemeinsam: Beide waren daran beteiligt, dass aus dem Schlosspark ein besonderes Naturschutzgebiet wurde, ein sogenanntes Fauna-Flora-Habitat-Gebiet, abgekürzt FFH. Damit ist der Park Teil eines europäischen Verbundsystems von Schutzgebieten. Lebensräume von Tieren und Pflanzen werden hier nach besonders strengen Richtlinien geschützt, oberste Instanz und Aufsicht für diese Gebiete ist die Europäische Kommission. Natura 2000 heißt der Verbund.

300 Jahre alt ist die Eiche, deren Rinde sich Schubert gerade ansieht. Das ideale Zuhause für den bedrohten, streng geschützten Eremitenkäfer mit einer besonderen Vorliebe für sehr alte oder schon tote Bäume. Nur noch an wenigen Orten in Berlin finden die Kerbtiere so viele passende Stieleichen und Hainbuchen wie hier in Buch. Deshalb wurde die historische Gartenanlage geschützt.

Vorgeschlagen hatte das vor sieben Jahren die Berliner Landesarbeitsgemeinschaft Naturschutz. Schubert ist Geschäftsführer dieses Zusammenschlusses der Berliner Naturschutzverbände. Die Arbeitsgemeinschaft hatte der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung eine Liste von schützenswerten Gebieten überreicht. Neun der elf Vorschläge wurden angenommen. 15 FFH-Gebiete gibt es insgesamt: Den Müggelsee etwa, mit der besonderen Fischart Rapfen. Die Zitadelle Spandau mit der Großen Mausohr-Fledermaus und die Reinickendorfer Baumberge mit raren „Trockengrasflächen“.

All diese FFH-Gebiete stehen heute im Mittelpunkt des achten Berliner Naturschutztages, den der Naturschutzbund (NABU) veranstaltet und zum Umweltforum in die Auferstehungskirche in Friedrichshain lädt. Dort wird Schubert über den „steinigen Weg von der Liste „zu den Schutzgebieten von europäischer Bedeutung“ berichten. Die EU-Behörden hätten Berlin vor sieben Jahren eine Strafe angedroht, weil die Senatsverwaltung zunächst zu wenige Vorschläge für FFH-Gebiete eingereicht hatte, erzählt Schubert. In anderen Vorträgen geht es beim Umweltforum um Insekten, Haussperlinge und „Multikulti in der Berliner Pflanzenszene“. Kommen sollen auch NABU-Präsident Olaf Tschimpke und Staatssekretärin Maria Krautzberger von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung.

Im Schlosspark hat Schubert inzwischen ein Häufchen Schnee auf dem Kopf, immer wieder fallen weiße Klumpen von den Bäumen. An stürmischen Tagen kann hier Schwereres herunterfallen, Äste oder ganze Bäume. Gerade geht Schubert an einem Stamm vorbei, der in einer hellbraunen splitternden Spitze endet. Das ist wahrscheinlich das Werk von Sturmtief Kyrill. „Eines unserer größten Probleme wird immer bei Stürmen deutlich: In den Parkanlagen geht es oft um den Konflikt zwischen Erholung und Naturschutz.“ Ein Baum beherberge im Lauf seines Lebens mehr als 100 Tierarten, in jedem Entwicklungsstadium andere, sagt Schubert. Erst wenn er so richtig morsch ist, zieht der Eremit ein – wenn der Baum noch nicht gefällt und weggeräumt ist.

Umweltforum Berlin, heute 10 bis 17 Uhr in der Auferstehungskirche, Pufendorfstr. 11, Friedrichshain, Eintritt frei. Weitere Infos über die FFH-Gebiete unter: www.stadtentwicklung.berlin.de, Link zu „natura2000“

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