Weißensee : Jüdischer Friedhof erneut geschändet

Die zweite Nacht in Folge haben Unbekannte auf dem Jüdischen Friedhof in Weißensee Grabsteine umgeworfen. Der Staatsschutz hat die Ermittlungen aufgenommen. Leider ist die Tat kein Einzelfall, der Zentralrat der Juden spricht von einer "traurig, schaurig stabilen" Tendenz.

BerlinDer Jüdische Friedhof in Berlin-Weißensee ist zum zweiten Mal in Folge geschändet worden. Die Täter stießen erneut 19 Grabsteine um und rissen 12 Begrenzungssäulen heraus, wie die Polizei am Mittwoch mitteilte. Eine Mitarbeiterin des Friedhofs entdeckte die Verwüstung am Morgen. In einem anderen Teil des Friedhofs waren in der Nacht zu Dienstag bereits 23 Grabsteine und 10 Stelen umgestürzt worden. Der Staatsschutz ermittelt. Ein rechtsextremer Hintergrund sei nicht auszuschließen, sagte ein Polizeisprecher. Politiker forderten schnelle Aufklärung und harte Strafen für die Täter.

Der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, äußerte sich betroffen. "Diese Taten machen mich unendlich traurig", sagte er. Der Vorfall mache deutlich, dass es offenbar eine Bevölkerungsschicht gebe, die gegen alle Versuche der Aufklärung resistent sei. Davon dürften sich die Juden jedoch auf keinen Fall einschüchtern lassen.

Graumann: Schaurig stabile Tendenz von Schändungen

Graumann zufolge wird in Deutschland im Durchschnitt jede Woche ein jüdischer Friedhof geschändet. Der Vizepräsident forderte eine amtliche Erfassung der Taten, denn offizielle Zahlen gebe es bisher nicht. Die Tendenz sei weder steigend noch abnehmend, sondern "traurig, schaurig stabil", sagte Graumann.

Laut Polizei gibt es noch keine konkreten Hinweise auf die Täter. Es sei auch noch unklar, wie sich die Randalierer Zutritt zum Friedhof verschafften. "Es ist ein sehr großes, weit verzweigtes Gelände", sagte der Polizeisprecher. Allein die Wege seien rund 50 Kilometer lang. Gemeinsam mit der jüdischen Gemeinde suche die Polizei nun nach Möglichkeiten zur Verbesserung der Sicherheit. Der Friedhof in Weißensee wurde 1880 eingeweiht. Er ist der größte jüdische Friedhof Europas.

Der Friedhof ist ein nationales Kulturdenkmal

Ein Gedenkstein erinnert an die sechs Millionen von der NS-Diktatur ermordeten Juden. Auf dem Friedhof befinden sich die Grabstätten vieler Prominenter: unter anderem der Verleger Samuel Fischer und Rudolf Mosse, des Journalisten Theodor Wolff, des Malers Lesser Ury, des Philosophen Hermann Cohen, des Industriellen Emil Rathenau, des Mediziners Albert Fraenkel, des Warenhausbegründers Hermann Tietz (Hertie) und des Restaurantbesitzers Berthold Kempinski. Auch der Ende 2001 in Israel gestorbene Schriftsteller Stefan Heym wurde hier beigesetzt. (saw/stb/ddp)

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