• Weiter Chaos bei der Bahn: Höhnischer Beifall für Chaostage beim Unternehmen Zukunft

Weiter Chaos bei der Bahn : Höhnischer Beifall für Chaostage beim Unternehmen Zukunft

Die Deutsche Bahn AG mutete ihren Fahrgästen auch am Tag nach dem Fahrplanwechsel zum Teil mehrstündige Verspätungen auf der Stadtbahn zu.

Gegen Mittag hatte sich der Verkehr etwas normalisiert. Die Herausnahme mehrerer Interregio-Linien entspannte die Situation. Für das ganztägige Chaos im Berlin-Verkehr vom Sonntag entschuldigte sich die Bahn gestern förmlich. Am Eröffnungstag der Stadtbahn hatte die Bahn vergeblich versucht, 360 Züge an einem Tag über die Strecke zu schicken. Noch am Abend des Katastrophentages hat die DB dann eine "Expertengruppe" eingerichtet. Die Zahl der Servicekräfte auf den Bahnsteigen wurde erhöht.

Fahrgastverbände und die Grünen erhoben gestern schwere Vorwürfe gegen die Bahn. Auch der zweite Tag der wiedereröffneten Stadtbahn wurde von Pannen und Verspätungen beherrscht. Besonders in den Morgenstunden gab es wieder chaotische Szenen am Bahnhof Zoo. Mindestens ein Regionalexpreß aus der Stadt Brandenburg ist völlig ausgefallen. Die Züge hatten unterschiedliche Verspätungen, gleich ob Regional-Expreß oder ICE. Auffällig massiv waren die Verzögerungen wie am Sonntag bei den Interregios. Der IR 2342 von Berlin nach Amsterdam-Schiphol startete mit weit über zwei Stunden Verspätung - dabei wird er in Berlin eingesetzt, fährt sich seine Verspätung also nicht vor Berlin zusammen.

Dies stützt die Kritik des Verkehrsexperten der Grünen im Abgeordnetenhaus, Michael Cramer.Seiner Kenntnis nach beruht das Chaos auf einem Engpaß zwischen Ostbahnhof und Rummelsburg. Ein Verbindungstunnel zwischen Ostbahnhof und Lichtenberg würde Abhilfe schaffen, jedoch habe "die Bahn dies verschlafen".Noch etwas spricht für Cramers Theorie, daß es schlicht zu wenig Gleise zwischen der Stadtbahn und dem neuen Bahnbetriebswerk Rummelsburg gebe: Die Bahn selbst teilte gestern mit, daß die Züge nicht mehr in Rummelsburg, sondern in Cottbus oder Schöneweide gereinigt werden.

Die Ursachen für das Chaos blieben aber insgesamt noch im Dunkeln. In einem Fax teilte die Bahn gestern lapidar mit, "die Inbetriebnahme des neuen Betriebswerkes Rummelsburg" habe zu der Lage geführt. Zumindest ein Oberleitungsschaden kam gestern als weiterer Faktor hinzu.

Als eine Lautsprecherdurchsage gestern die voraussichtliche Abfahrt von einer Stunde auf zunächst zwei Stunden Verspätung aktualisierte, klatschten Dutzende Wartende gegen 13 Uhr höhnisch Beifall auf dem Bahnsteig.Am Nachmittag teilte Konzernsprecherin Marlene Schwarz mit, daß die Züge am Montag durchschnittlich 25 Minuten Verspätung hätten."Das Ausmuß der Unregelmäßigkeiten des Vortages konnte deutlich gesenkt werden", hieß es weiter.Um das Gedränge der fahrplanmäßig 360 Züge pro Tag auf der Stadtbahn zu entzerren, verkehren die Interregio-Linien 34 (Rostock-Berlin-Chemnitz) und 36 (Stralsund-Berlin-Frankfurt/Main) bis auf weiteres nur über Lichtenberg.Eine Abfertigerin am Zoo sagte am Mittag, daß dieser Verzicht auf die IRs ein erneutes totales Chaos verhindert habe."Noch einen Tag stehe ich das nicht durch."

Fahrgäste kritisierten gestern erneut fehlende Durchsagen in den Zügen und fehlende Anzeigen auf den Bahnsteigen.Auch gegenüber Journalisten ist die offizielle Seite des "Unternehmens Zukunft" alles andere als offen und auskunftsfreudig.Nach Informationen des Tagesspiegels hat die Bahn inzwischen allen Mitarbeitern per Aushang verboten, mit Journalisten zu sprechen.Schon am Sonntag mittag hatte Bahn-Vorstand Axel Nawrocki den Autor angefaucht, daß einzig die Konzernsprecherin zu Auskünften befugt sei.

Fehlersuche endet im Stellwerk

Fast alle Eisenbahner, die am Sonntag und Montag nach den Ursachen für das Durcheinander befragte wurden, gaben "dem elektronischen Stellwerk" die Schuld für den Zusammenbruch des Fernverkehrs. Was machen diese Stellwerke?

Grundsätzlich steuern heute Computer die Züge. Stellwerke wie einst, wo Fahrdienstleiter aus großen Glaskanzeln direkt neben der Strecke die Züge beobachteten und mit großen Hebeln Weichen und Signale mechanisch verstellten, gibt es auf der Stadtbahn nicht mehr. Geblieben ist jedoch die Aufgabe eines Stellwerks: Weichen und Signale so zu steuern, daß nur ein Zug in einem bestimmten Gleisabschnitt fährt.Diese Fahrt wird so gesichert, daß keine andere Züge einem gefährlich werden können - zum Beispiel durch eine Fahrt in die Flanke oder durch Auffahren.

Drei elektronische Stellwerke mit jeweils einem "Overheadrechner" steuern die Fahrt der 360 Fernzüge auf der Stadtbahn zwischen Grunewald und Rummelsburg.Das System heißt "Simis-C", das steht für "Sicheres Mikrocomputersystem von Siemens, Generation C".Jedes Simis besteht aus mindestens zwei voneinander unabhängig arbeitenden, identisch aufgebauten und programmierten Systemen.Ein Signal oder eine Weiche kann nur gestellt werden, wenn beide Systeme zum gleichen Ergebnis gekommen sind.Gibt es Differenzen oder stürzt ein Rechner ab, wirkt sich dies nur zur "sicheren Seite" hin aus; Signale fallen dann immer automatisch auf Rot.Jeweils zwei oder drei Fahrdienstleiter überwachen auf Monitoren die Technik.

Zwei Rechner-Stellwerke sind mit dem Fahrplanwechsel neu hinzugekommen: Rummelsburg und Ostbahnhof (bei diesem ist besonders, daß die Elektronik im Ostbahnhof getrennt von den Fahrdienstleitern in Pankow ist).Das Simis-Stellwerk am Westkreuz besteht schon seit einigen Jahren und ist jetzt zur Eröffnung der Stadtbahn nur erweitert worden.Die Bahn hat also Erfahrung mit dem System - und auch mit Abstürzen.Unter anderem 1996 in Wannsee ist einer dieser Rechner abgestürzt.Damals mußte der Verkehr jedoch völlig eingestellt werden, anders als am Sonntag.

Die Aufgaben des Computers sind immens.Allein die beiden neuen Simis-Rechner steuern 140 Signale, 234 zusätzliche Rangiersignale, 279 Weichen und 398 Achszählkreise.Letztere erkennen, ob ein Gleisstück frei oder besetzt ist.

Wie die Lokführer hatten auch die Computerexperten und Fahrdienstleiter nur eine Woche vom 17.Mai bis 23.Mai Zeit zum Proben.Die Deutsche Bahn AG hatte die neue Technik nach einer Woche vom Hersteller Siemens-Verkehrstechnik abgenommen, ohne Mängel oder Fehler zu reklamieren.Dennoch ging der Premierentag schief.

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