Weiter gepokert : Der Held will jetzt seine Ruhe

The show must go on: Auch nach dem Überfall wurde am Potsdamer Platz weiter Poker gespielt - der Sieger stand erst spät fest. Der Held der ganzen Geschichte tauchte derweil erstmal ab.

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Kevin McPhee gewinnt EPT 2010 Foto: dpa
Sieger mit Pokerface: Der US-Amerikaner Kevin McPhee.Foto: dpa

Am Tag danach ist das Presse-Info-Mobil der Polizei wieder weg und der ganze Potsdamer Platz ziemlich leergefegt vom Winterwind. Nur die Fahnen der „European Poker Tour“ knattern, und die schon vor dem Überfall hier geparkten Übertragungswagen eines englischen Spartenfernsehkanals harren bis zuletzt aus. Mit hochgezogenen Schultern eilen die Pokerfreunde ins Grand Hyatt Hotel, dem Finaltag entgegen. Am Tatort im ersten Stock läuft der Einlass so freundlich und geordnet ab wie an den Tagen zuvor, doch es gibt eine wesentliche Neuerung: Die Startgebühren werden nicht mehr hier auf dem Flur eingezahlt, sondern in der Spielbank auf der anderen Straßenseite.

Wer dort ohne Teilnehmerausweis hinein will, scheitert an zwei Wachleuten vor der Tür. Sie sind von derselben Firma wie der tollkühne Held des Vortages, der die Räuber beinahe gestellt hätte. Aber sie sind nicht so redselig – und ihr im Haus befindlicher Chef sei es ebenso wenig, sagen sie: „Der äußert sich heute nicht.“ Ein Kameramann knurrt: „Wenn er nicht will, warte ich hier und schieße ihn ab.“ Das ist Fachjargon für „aufnehmen“. In der Zwischenzeit zoomt er die Hotelfassade hoch und runter. Sie sieht so aus wie an den Tagen davor. Der Held ist nicht zu sprechen, obwohl er sich schon wieder im Dienst befindet. Er habe einen ruhigeren Posten bei einem der sogenannten „Side Events“ übernommen, wo weniger Geld in Umlauf sei, sagt ein Kollege. Und dass der Held heute Ruhe wolle.

Durch den Hintereingang kommt ein dünner Rotblonder auf die Straße und tippt auf seinem Handy herum. Es ist Timo Traut aus Aachen, 22 Jahre alt, ein alter Pokerhase. „Gestern Abend haben wir schon wieder drüber gelacht“, sagt er. „Obwohl ich wirklich dachte, jetzt ist es vorbei, als irgendwer brüllte ,Überfall, Überfall!‘ und dann auch noch das Licht ausging.“ Das mit der plötzlichen Dunkelheit erzählen auch andere, aber wahrscheinlich ist nur jemand vor Schreck gegen den Lichtschalter gekippt, als draußen die vermummten Gangster den Bistrotisch über den Haufen rannten. Timo Traut jedenfalls sagt, dass solch ein Turnier „normalerweise nicht im Hotel stattfindet, sondern im Casino. Dort liegt das Geld hinter dicken Glasscheiben.“

Dann geht er wieder rein. Ein langer Tag und ein spannendes Finale liegt da noch vor den Poker-Freunden. Erst gegen 19 Uhr hatte sich das Feld bis auf zwei Spieler bereinigt, dreieinhalb Stunden später war noch immer kein Sieger ermittelt. In der Nacht dann die Nachricht: Der US-Amerikaner Kevin McPhee hat dieses Pokerturnier, bei dem das Spiel in den Hintergrund trat, gewonnen. Wie auch immer: Eines war in jedem Fall klar: Ein Koffer mit Barem wurde dem Glücklichen nicht überreicht – sicher ist sicher.

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